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Parentifizierung – eine Anwendung im Kontext von Migration und Flucht

Zeitschrift: Nervenheilkunde
ISSN: 0722-1541
Thema:

Kulturelle Kompetenz im klinischen Alltag Teil 1

Ausgabe: 2017: Heft 7 2017 (495-582)
Seiten: 512-520

Parentifizierung – eine Anwendung im Kontext von Migration und Flucht

I. Özkan, M. Willemsen (1)

(1) Asklepios Fachklinikum Göttingen

Stichworte

Migration, Parentifizierung, Rollentausch, Flucht

Zusammenfassung

Eine Flucht und die damit zusammenhängenden Prozesse der Migration sind für eine Familie potenziell eine äußerst belastende Erfahrung. Diese kann mit einer Umkehr in der Familienhierarchie einhergehen: Kinder übernehmen emotionale oder instrumentelle Aufgaben für ihre Eltern, die eigentlich eine erwachsene Person für das Kind ausführen sollte. Dieses Phänomen wird als Parentifizierung oder Rollentausch bezeichnet. Die Forschung zu Parentifizierung hat den Auswirkungen der Belastungen, denen das Familiensystem geflüchteter Familien ausgesetzt ist, wenig Aufmerksamkeit zukommen lassen. Aus Studien ist bekannt, dass Parentifizierung im Zusammenhang mit Migration häufiger auftritt, jedoch ist fraglich, inwiefern solche Ergebnisse auf die Erfahrung einer erzwungenen Migration übertragbar sind. Basierend auf einem Überblick des Forschungsstandes und einem integrativen theoretischen Rahmens nach Jurkovic wird in diesem Artikel erörtert, ob geflüchtete Familien aufgrund einer Anhäufung von Risikofaktoren eine besonders vulnerable Gruppe für Parentifizierung darstellen. Dabei werden einzelne Prädiktoren für Parentifizierung im Kontext von Migration und Flucht im Rahmen einer systematischen Literaturanalyse betrachtet. Es wird deutlich, dass Risikofaktoren bei geflüchteten Familien nicht nur grundsätzlich zu großer Belastung akkumulieren, sondern dass kumulative Effekte der Wechselwirkungen zwischen den Faktoren das Familiensystem zusätzlich unter Druck setzen. Aus diesem Grund bedürfen Familien mit Fluchtgeschichte unter Berücksichtigung ihrer Autonomie und Selbstwirksamkeit besonderer Unterstützung auf institutioneller, struktureller und individueller Ebene, um eine überfordernde Verantwortungsübername der Kinder und Jugendlichen zu verhindern.

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