Dissoziative Phänomene bei psychotischen Störungen
Harald J. Freyberger und Carsten Spitzer
Zusammenfassung
Obwohl die Begriffe der Dissoziation und Spaltung historischbetrachtet in enger Beziehung zur Hysterie- und Schizophrenieforschungim ausgehenden 19. Jahrhundert stehen, sind beideKonzepte weitgehend unabhängig voneinander weiterentwickeltworden. Erst durch die Renaissance des Dissoziationsbegriffs istes zu einer erneuten Annäherung gekommen. Moderne Positionengehen einerseits davon aus, dass die psychotische Ich-Fragmentationdie schwerste Form der Dissoziation darstellt, währendandererseits andere Autoren zwar Überschneidungen feststellen,jedoch qualitativ zwischen dissoziativem und psychotischemErleben unterscheiden. Empirische Arbeiten haben die phänomenologischeÄhnlichkeit von dissoziativen und schizophrenenStörungen sowie die Relevanz dissoziativer und produktiv-psychotischerSymptome in beiden diagnostischen Gruppen untersucht.Zunehmend wird auch die Bedeutung von Traumatisierungen,assoziierter Dissoziation und Posttraumatischen Belastungsstörungenfür die Genese, den Verlauf und die Therapie psychotischerErkrankungen wahrgenommen. Die grundlegenden Positionenund aktuellen Ansätze werden vorgestellt und diskutiert. Stichworte
Posttraumatische Belastungsstörung, trauma, Dissoziation, psychotische Störung, schizophrene Störung