Zum Zusammenhang von depressiven Erkrankungen und Persönlichkeitsstörungen
Britta Wenning, Henning Saß und Sabine C. Herpertz
Zusammenfassung
Das derzeitige Wissen über den Zusammenhang von depressivenErkrankungen und Persönlichkeitsstörungen hat zu verschiedenenModellbildungen geführt, die ein breites konzeptionelles Spektrumvon Vulnerabilitäts- und Kausalitätsannahmen bis hin zuModulatoreinflüssen und therapeutischen Auswirkungenumfassen. Es zeigt sich, dass kein Modell allein die komplexenZusammenhänge erklären kann. Konsistent ist die Befundlagehinsichtlich der Bedeutung des PersönlichkeitsmerkmalsNeurotizismus als gemeinsamer kausaler Faktor für Depressionund spezifische Persönlichkeitsstörungen. Der »Typusmelancholicus« gilt als spezifischer Vulnerabilitätsindikator füreine depressive Erkrankung, gleichzeitig aber auch als protektivePersönlichkeitsstruktur vor Rückfällen. Hinsichtlich dermodulierenden Wirkung, die eine begleitende Depression auf dieBehandlungsprognose von Persönlichkeitsstörungen nehmenkann, verweisen Verlaufsuntersuchungen darauf, dass diesedifferenziert zum Teil als Negativprädiktor, zum Teil aber auch alsPositivprädiktor zu bewerten sind. Effektivitätsstudien belegen,dass bei vorliegender Komorbidität eine Kombination auspharmakologischer und psychotherapeutischer (insbesonderekognitiv-behavioraler) Behandlung gute Erfolge erzielt. Insgesamtwird wohl erst eine weitere Optimierung der Untersuchungsmethodenzu einem umfassenderen Verständnis des Zusammenhangszwischen depressiven Erkrankungen und Persönlichkeitsstörungenund ihren Konsequenzen für Verlauf und Behandlungbeitragen. Stichworte
Depression, Komorbidität, Prognose, Krankheitsverlauf