Instinkt. Das Tier in uns

Dr. vet. Schmitz

Wie Tiere haben auch wir Menschen noch Instinkte, obwohl sie im Vergleich zu Tieren deutlich geringer ausgeprägt sind. Wäre es für uns nicht manchmal besser, unseren Instinkten mehr zu vertrauen? Und sind Tiere vielleicht „glücklicher“ als wir? Können wir gar von ihnen lernen? Anlässlich der Neuerscheinung des Buches Opens external link in new windowInstinkt. Das Tier in uns” führten wir ein Interview mit der Autorin Dr. Mirjam Schmitz.


Frau Dr. Schmitz, Sie sind Tierärztin in eigener Praxis und beschäftigen sich normalerweise mit tierischen Krankheiten und Verhaltensweisen. Wie kamen Sie auf die Idee, ein Buch zum Thema „Instinkt“ beim Menschen zu schreiben?

Als Tierärztin habe ich täglich mit Menschen und Tieren zu tun, aber auch privat umgebe ich mich gerne mit Tieren. Dabei ist mir aufgefallen, dass Tiere sehr viel häufiger glücklich wirken als wir Menschen. Die Frage, woran das liegen könnte, hat mich beschäftigt und so entstand die Buchidee „Instinkt – Das Tier in uns“. Meiner Meinung nach sind Tiere von Natur aus auf Glück programmiert und leben dies auch, sofern man sie lässt.


Wie viel „angeborener Instinkt“ überlebt das Erwachsenwerden und die Erziehung eigentlich?

Ich glaube, bei Menschen werden natürliche Instinkte systematisch „aberzogen“, so dass im Erwachsenenalter nicht mehr viel davon übrig bleibt. Kinder haben (normalerweise) noch Freude an kleinen Dingen, leben im Hier und Jetzt und haben die Gabe, unbeschwert lachen zu können, noch nicht verloren. Doch wer als Erwachsener unbekümmert „das Kind in sich“ oder auch „das Tier in sich“ rauslässt, kann meist sein blaues Wunder erleben...


Inwieweit unterscheiden sich denn die Emotionen von Tier und Mensch? Durchleben Tiere auch solche Empfindungen wie Eifersucht und Neid?

Die physiologischen Grundlagen für Basisemotionen wie Angst oder Freude sind bei Mensch und Tier gleich. Differenziertere Empfindungen wie Neid, Eifersucht, Schuld oder Trauer lassen sich durchaus auch im Tierreich beobachten. Lediglich in ihrer Intensität und in ihrer Dauer dürften sie beim Menschen besonders ausgeprägt sein.


Ist es für Menschen schwieriger als für Tiere glücklich zu sein? Wenn ja, warum?

Ja, ich glaube für Menschen ist es tatsächlich schwieriger, glücklich zu sein, als für Tiere. Die Gründe sind vielschichtig, aber einer der wichtigsten Punkte dürfte die Unfähigkeit sein, im Hier und Jetzt zu verweilen. Kein Tier hadert mit der Vergangenheit oder macht sich Sorgen um Über-Übermorgen.

Inwieweit sollten Menschen ihren Instinkten folgen und wann eher nicht?

Bei der Partnerwahl kann es durchaus nützlich sein, seinen Instinkten zu folgen. Wenn der Partner „gut riecht“ so hat dies eine durchaus sinnvolle genetische Komponente, auf die man vertrauen kann. Andererseits sind unsere urzeitlichen Instinkte mit den heutigen technischen Anforderungen überfordert. Bei der Auswahl des passenden i-Phones sollte man lieber seinen Verstand einsetzen.


Menschliche Beziehungen setzen überwiegend auf Monogamie. Manch ein Fremdgänger redet sich mit seinen „Instinkten“ heraus. Inwieweit wird unser Sexualtrieb von Instinkten gesteuert?

Nun ja, bei den sogenannten „Fremdgängern“, die ja meist Männer sind ;-), hat man auf genetischer Ebene tatsächlich Faktoren gefunden, die sich mit Treue und Monogamie wenig vereinbaren lassen. Das Hormon Vasopressin wird mit männlicher Bindungswilligkeit in Verbindung gebracht. Wenn nun mal genetisch bedingt wenige Rezeptoren für dieses Hormon ausgebildet werden, so ist es auch mit der männlichen Treue nicht weit her... Inwieweit sich eine solche Veranlagung „domestizieren“ lässt, sei an dieser Stelle einmal dahingestellt. Grundsätzlich ist auch der menschliche Sexualtrieb ein Urinstinkt, der nur sehr schwer domestizierbar ist und sich manchmal fragwürdigen gesellschaftlichen Konventionen nicht beugt, die Regenbogenpresse weiß es besser!



Burnout wird immer häufiger diagnostiziert. Wie unterschiedlich gehen Mensch und Tier mit Stress um?

Akuter Stress ist für Mensch und Tier nicht nur ungefährlich, sondern überlebensnotwendig! Körper und Psyche werden bei Mensch und Tier auf Flucht oder Kampf eingestellt, „Flight or Fight“. Einer realen Gefahr gleichgültig zu begegnen ist dem Überleben nicht gerade dienlich. Eine Maus, die nicht unverzüglich beim Anblick einer Katze flüchtet, hat schlechte Karten, ihre Gene in die nächste Generation weiterzugeben. Auch wir stammen nicht von Urvätern ab, die sich sorglos auf der Wiese fläzten, sondern von denen, die auf der Hut vor dem Säbelzahntiger waren.
Problematisch ist chronischer Stress. Bei Tieren entsteht chronischer Stress immer dann, wenn wir sie zwingen, ihre natürlichen Instinkte zu unterdrücken. Durch falsche Zucht, Fütterung und Haltung erreicht man bei Tieren durchaus einen Zustand, der mit menschlichem Burnout vergleichbar ist. Chronischer Dauerstress, der durch die Missachtung der natürlichen Grundbedürfnisse, der Instinkte, entsteht, ist für Mensch und Tier gleichermaßen destruktiv.



Inwieweit können Menschen besser mit Aggressionen umgehen als Tiere – oder stimmt das am Ende gar nicht?

In freier Natur hat Aggression durchaus ihre Berechtigung, wenn es zum Beispiel um die Verteidigung von Ressourcen, Rangordnungskämpfe oder das Erlegen von Beute geht. Aber ein Phänomen kann man bei wilden Tieren beobachten: Artgenossen werden eher selten ernsthaft verletzt oder gar getötet. Selbst in der Paarungszeit kommt es zu sogenannten Kommentkämpfen, deren Ablauf ritualisiert und damit für den Gegner vorhersehbar ist. Sie haben den Sinn, den Stärkeren zu ermitteln und enden selten in einem echten  Vernichtungskampf. Es exsistiert eine instinktive Tötungshemmung gegenüber Artgenossen, die aber von Menschen systematisch umgangen werden kann. Ein Blick auf das aktuelle Weltgeschehen reicht aus. Insofern ist es sehr, sehr fraglich, ob Menschen mit Aggressionen besser umgehen können, als Tiere.


Die Winterzeit rückt näher. Viele Menschen leiden unter dem sogenannten „Winterblues“. Inwieweit hängt das mit unseren Instinkten zusammen? Gibt es diese Erscheinung bei Tieren auch?

Die sogenannte „Winterdepression“ wird mit erhöhten Konzentrationen des Schlafhormons Melatonin, einem Abbauprodukt des Glückshormons Serotonin, in Zusammenhang gebracht. Auch bei Tieren lässt sich in dieser Jahreszeit eine verminderte Aktivität beobachten, manche Tierarten halten sogar Winterschlaf. Menschen sollten wieder lernen, den Winter als das zu begreifen, was er ist, eine Zeit der Besinnung und Ruhe.
                                                      Das Interview führte Stefanie Albert


Autorenvita:
Dr. med. vet. Mirjam Schmitz
Studium der Tiermedizin und Promotion an der Universität Leipzig, 1999–2004 Landtierarztpraxis in Viersen und Tierärztliche Klinik vom Bökelberg, seit 2005 in eigener Kleintierpraxis in Willich tätig. Interessensschwerpunkt: vergleichende Ethologie (Verhaltensforschung).

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