Klugheit: Die sieben Säulen der Intelligenz

Prof. Rainer Bösel gibt im Interview einen Einblick darüber, wie wir uns "klug" verhalten

Der Psychologe und Hirnforscher Prof. Rainer Bösel hat im Schattauer Verlag das Buch Opens external link in new window"Klugheit. Die sieben Säulen der Intelligenz" veröffentlicht. Er analysiert darin unsere intellektuellen Fähigkeiten. Sein Fokus liegt dabei auf den Fähigkeiten der klugen Planung und umsichtigen Umsetzung in zweckmäßiges Handeln. Im Interview gewährte uns Prof. Bösel einen spannenden Einblick in diesen komplexen Forschungsgegenstand.

 

 

Der Titel Ihres Buches lautet „Klugheit: Die sieben Säulen der Intelligenz“. Da tut sich unmittelbar die Frage auf: Was ist denn eigentlich der Unterschied zwischen Klugheit und Intelligenz? Im gewöhnlichen Sprachgebrauch werden die beiden Begriffe ja oft synonym verwendet.

Bösel: Im Buch bezeichnet Klugheit alle höheren kognitiven Leistungen, an denen die Funktionen des Stirnhirns maßgeblich beteiligt sind. Bei genauerem Hinsehen stellt man fest, dass sich dieses Verständnis recht gut mit dem Alltagsbegriff von Klugheit deckt, der meist in der Bedeutung von genauem Denken oder angemessenen Handeln verwendet wird. Oft unterstellt man dabei eine Art Problemlösefähigkeit. Damit geht es selbstverständlich auch um Fähigkeiten, die in klassischen Intelligenztests geprüft werden. Allerdings verdanken wir den Funktionen des Stirnhirns noch mehr, wie zum Beispiel die sogenannte praktische Intelligenz oder die Fähigkeit, eigenen Erfahrungen kritisch gegenüberzustehen.

Klugheit ist also mehr als das, was man üblicherweise mit Intelligenz bezeichnet. Es muss erwähnt werden, dass Funktionen des Stirnhirns außerdem auch noch soziale Leistungen unterstützten, die jedoch nicht mehr Gegenstand des Buchs sind.

Prof. R. Bösel

Was sind denn die sieben Säulen der Intelligenz? Inwieweit kann man damit die Klugheit trainieren?

Bösel: Es ist wirklich erstaunlich, in welch vielfältiger Weise die Funktionen des Stirnhirns sehr verschiedenartige Leistungen ermöglichen. Nach didaktischen Gesichtspunkten lassen sich diese Leistungen neben der Verwendung der Sprache zu sieben „Säulen“ zusammenfassen, die kluges Verhalten unterstützen. Übrigens wurden diese „Säulen“ bereits in den Sinnsprüchen der Weisen aus dem alten Griechenland benannt, wie sie von Demetrios, einem Schüler des Aristoteles überliefert sind. Zu solchen Leistungen gehört es,
sich zu orientieren,
Gelerntes zu verwenden,
Wahrscheinlichkeiten zu berücksichtigen,
Zusammenhänge zu erkennen,
sich zu engagieren,
Erfahrungen anzuzweifeln und
Bewertungen vorzunehmen.

Für jede dieser Leistungen wird im Buch eine Reihe von Alltagsbeispielen angeführt, auch solche, wo ein Mangel zu deutlichen Fehlern führt. Solche Beispiele führen einem mitunter eigene Schwächen vor Augen – da nehme ich mich selbst gar nicht aus. Doch wenn man sich diese Funktionen erst einmal bewusst gemacht hat und sie dann auch noch übt, so sollte das die Problemlösefähigkeit verbessern.


Eine Ihrer sieben Säulen der Intelligenz heißt „sich engagieren“. Das überrascht doch etwas – was hat denn Engagement mit Klugheit und Intelligenz zu tun?

Engagieren heißt, sich nicht nur mit etwas auseinanderzusetzen, sondern sich für etwas einzusetzen. Eine der wichtigsten Voraussetzungen für kluges Handeln ist es tatsächlich, alle seine Fähigkeiten in den Dienst einer Sache zustellen, wenn sie wichtig ist. Für die Ebene der Hirnfunktionen bedeutet das, dass möglichst viele Nervennetzwerke beteiligt werden, sofern sie zur Bewältigung einer Aufgabe nützlich sein können.

Befunde an Gedächtniskünstlern zeigen das besonders deutlich. Unter Umständen werden auf diese Weise Netzwerke aktiv, die mit Körperfunktionen zu tun haben oder persönlich Erlebtes aus der Vergangenheit in Erinnerung rufen. Derartige Assoziationen öffnen Ressourcen aus teilweise weit entfernten Gedächtnisorten. Zugleich kommt es im Erleben automatisch zu einer stärkeren Ich-Beteiligung. Fantasie und Gefühle, die sonst eher ablenken, kommen nun jedoch gewissermaßen als zusätzliche Informationsquellen ins Spiel.

Sie sind nicht nur Psychologe, sondern auch Hirnforscher. Insofern liegt es nahe, dass Sie in Ihrem Buch immer wieder auf das Gehirn eines der größten und bekanntesten Denkers des letzten Jahrhunderts zu sprechen kommen – Albert Einstein. Was kann man aus neurologischen Untersuchungen an dessen Gehirn über bestimmte Gehirnfunktionen, die die Intelligenz betreffen, folgern?

Menschen kommen mit individuellen Gehirnen zur Welt, die sie mit bestimmten Talenten ausstatten oder ihnen unter Umständen nur eingeschränkte Fähigkeiten erlauben. Lange Zeit wurde die Ansicht vertreten, dass uns das festlegt.
Heute gehen wir davon aus, dass beinahe jeder Teil der Großhirnrinde trainierbar ist, sofern entsprechende Trainingsmethoden sowie Bereitschaft und Zeit zur Verfügung stehen. Diese Voraussetzungen sind freilich nicht immer erfüllt. Dennoch wissen wir zum Beispiel, dass Musiker mitunter besondere anatomische Ausprägungen in der Hörrinde oder, sofern sie Klavierspieler sind, auch in der für die Finger zuständigen motorischen Rinde aufweisen. Was davon angelegt und was trainiert wurde, kann man am erwachsenen Gehirn jedoch nicht ablesen. Allerdings haben professionelle Experten meist mehrere Tausend Übungsstunden hinter sich.

Einsteins Gehirn weist tatsächlich einige anatomische Besonderheiten auf, vor allem im Stirnhirn. Zum Beispiel war bei ihm die mittlere Strinhirnwindung in der rechten Hemisphäre besonders ausgeprägt. Solche Eigenschaften findet man gelegentlich auch in anderen Gehirnen. Soweit wir wissen, ist dieses Hirnteil bei bestimmten Einschätzungen aktiv, etwa um zu beurteilen, ob Angaben in einem Bericht aus Versehen oder absichtlich übertrieben sind. Wir sind jedoch weit davon entfernt anzugeben, ob eine bestimmte Kombination von anatomischen Besonderheiten bereits zur Ausprägung von bestimmten genialen Leistungen ausreicht.


Inwieweit bestimmen unsere genetischen Voraussetzungen unsere Denkleistung? Welche anderen Faktoren außer den genetischen spielen noch eine Rolle, besonders in Bezug darauf, ob ein Mensch klug ist?


Nicht nur die anatomische Struktur des Gehirns, sondern auch seine Chemie wird in der Grundausstattung durch die Genetik festgelegt. Nach der Geburt entscheiden zahlreiche Lebensumstände darüber, welche Anlagen verborgen bleiben und welche zur Geltung kommen. Insbesondere können wir in hohem Maße lernen. Was tatsächlich gelernt wird, hängt von zahlreichen Faktoren im Verlauf des Lernprozesses ab, vor allem von den Gelegenheiten, das einmal Gelernte wieder zu verwenden.

Wenn wir über Klugheit sprechen, sollten wir jedoch immer auch daran denken, dass derartige Eigenschaften auf Zuschreibungen beruhen, die stark von den Voraussetzungen und Erwartungen der jeweiligen Umgebung und des jeweiligen kulturellen Umfelds abhängen. Manche Personen scheinen sich sogar in Beruf und Familie völlig anders zu verhalten.
Selbst wenn Persönlichkeitseigenschaften objektiv erfasst werden, erfolgt die Auswahl der Kriterien stets selektiv und im Vergleich mit dem, was innerhalb einer bestimmten Gruppe in einer bestimmten Epoche zu erwarten ist. Die meisten Psychologen nehmen jedoch an, dass breit gefächerte oder früh geprägte, geniale Talente wie bei Leonardo da Vinci, Mozart oder Einstein auch gegenwärtig herausragende Persönlichkeiten hervorbringen würden.

Vielen Menschen fällt es schwer, Entscheidungen zu treffen, und wenn sie sich schließlich für eine von mehreren Alternativen entschieden haben, sind sie danach immer noch am Grübeln, ob es die "richtige" Wahl war. Woran liegt das, und was sind die Voraussetzungen für ein möglichst kluges Verhalten beim Treffen von Entscheidungen?

Oft gibt es gar kein eindeutiges „richtig“ oder „falsch“ für Entscheidungen. Und wenn es bei klaren Vorgaben doch so erscheint, als ob es ein Optimum geben müsse, so fehlt dennoch oft der Überblick. Somit gibt es mehrere Gründe für Entscheidungsschwierigkeiten und das Gehirn verfügt über mehrere Strategien damit umzugehen und einen konkreten Sachverhalt in einen größeren Zusammenhang einzuordnen.

Weil verschiedene Nervennetzwerke aneinanderhängen, entstehen durch fortschreitende Informationsverarbeitung immer abstraktere Repräsentationen. So entstehen zum Beispiel auch abstrakte Regeln. Regeln kann man sogar ohne eigene einschlägige Erfahrungen verstehen und verwenden. Statt den Überblick über Details zu verlieren, folgt man Regeln – allerdings nur, sofern diese verfügbar sind.

Die zweite Strategie des Gehirns einen Überblick zu gewinnen, ist bei unvertrauten Sachverhalten noch wichtiger: Der Blick „von oben“ auf die gesamte Situation und die umgebenden Bedingungen. Handelt es sich gerade um eine häufig auftretende Situation, bei der man sich auf Routinewissen verlassen kann oder gibt es Details, die in dieser Form wohl insgesamt nur sehr selten vorkommen und besondere Überlegungen erfordern? Um eigenes Wissen auf seine Brauchbarkeit hin zu prüfen, bedarf es jedoch ebenfalls einer gewissen Routine –  und die ist nicht immer vorhanden.

Meist entscheiden wir im Alltag auf Grund früherer Erfahrungen. Wenn gute Erfahrungen fehlen oder mehrere Impulse in Konkurrenz treten, so verfügt das Gehirn über eine weitere Strategie, die eigentlich die einfachste ist: Es strengt sich an. Eine Überwachungsinstanz sorgt dafür, dass die konkurrierenden Impulse mehr „Energie“ erhalten, und zwar in Form einer Unterstützung durch assoziativ verknüpfte Informationen. Anstrengung erlaubt die Korrektur von Fehlern und unterstützt die Suche nach Hilfe. Das funktioniert – vorausgesetzt man scheut die Anstrengung nicht und bringt die erforderliche Konzentration mit.
In jedem Fall sollte man einen der bedeutendsten Sinnsprüche berücksichtigen, der aus dem Altertum überliefert ist und lautet: Jeder macht Fehler.
 

Die meisten von uns haben manchmal Schwierigkeiten, sich bei der Bearbeitung einer Aufgabe nur auf diese zu konzentrieren und sich nicht von nebensächlichen Reizen ablenken zu lassen. Warum lassen wir uns denn so leicht ablenken, und welche Mechanismen/Strategien des Gehirns können wir uns zunutze machen, um besser gegen Ablenkungen gewappnet zu sein?

Beim Planen und Handeln beobachten wir regelmäßig eine Einengung der Aufmerksamkeit. Sofern ein Impuls zum Tätigwerden stark genug ist, wird die dafür erforderliche, konzentrierte Aufmerksamkeit vom Beginn bis zum Ende einer Tätigkeit aufrechterhalten. Wenn man von Aufmerksamkeitsstörungen und Demenzen absieht, so kann man sich umso besser konzentrieren, je mehr die entsprechende Tätigkeit geübt ist.

Auch Personen, die sexuelle Ziele verfolgen, oder durch Hunger, Durst oder Neugier angetrieben werden, sowie Personen, die süchtig sind, denken sehr intensiv an ihre Ziele – das ist zu einem gewissen Teil biologisch so vorbereitet. Ablenkende Reize sind solche, die ihrerseits Gedanken und Pläne anstoßen, jedoch in eine andere Richtung weisen. Bei Tätigkeiten, die wir nicht so gut beherrschen, lassen wir uns in der Regel eher stören und zwar durch Anreize zu geübten Tätigkeiten, die wir relativ leicht ausführen können und daher lieber tun. Als Vorsorge gegen Störungen der Aufmerksamkeit wird vielfach empfohlen, auf einfache soziale Regeln zu achten und nützliche Alltagsroutinen zu üben.

„Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.“ Ritualisierte Handlungen fallen uns leichter als neue, können uns mitunter aber auch im Wege stehen. Weshalb führt die Wiederholung einer Tätigkeit dazu, dass wir sie auch in Zukunft bevorzugt ausführen werden? Und warum fällt es uns häufig so schwer, gewohnte Muster zu durchbrechen?

Menschen sind auf Grund von zahlreichen lernfähigen Synapsen im Nervensystem in höherem Maße befähigt zu lernen als Tiere. Die durch Lernen veränderten Nervenverbindungen unterscheiden sich neurobiologisch nicht von anderen Nervenverbindungen. Daher kann man mit den Worten des römischen Schriftstellers Cicero davon sprechen, dass Gewohnheiten für den Menschen eine zweite Natur bilden.

Jeder gesunde Mensch kann in seinem Leben nicht nur in vielerlei Hinsicht mehr lernen als Kolkraben, Delfine oder Schimpansen. Durch unser vielfältiges Sozialleben besitzen wir darüber hinaus eine kulturelle Umgebung, die in der Regel gute Voraussetzungen zum Lernen bietet. Diese komfortable Ausgangssituation für den Erwerb von Wissen und Können lässt uns manchmal vergessen, dass Lernen auf einfachen, lernverstärkenden Mechanismen und auf Übung basiert.

Eine wichtige Lernvoraussetzung ist das gemeinsame Auftreten bestimmter Reize oder Situationen (etwa das Betreten des Arbeitsplatzes) und bestimmter Handlungsimpulse (Lust auf zweites Frühstück). Lernverstärkend wirkt vor allem eine überraschende Belohnung und in der Folge eine entsprechende, mehrfache Wiederholung.

Wenn sich eine entsprechende Gewohnheit ausgebildet hat, so erfolgt die Ausführung immer automatischer, unabhängig von der sozialen Erwünschtheit und unabhängig davon, ob man sich auf längere Sicht damit selbst schadet. Oft findet man an seiner Gewohnheit sogar Gefallen und sucht unter Umständen Gründe, warum das eigene Tun richtig sein könnte. Sich etwas abzugewöhnen gelingt eigentlich nur, wenn man es schafft, eine neue und bessere Gewohnheit aufzubauen.

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Über den Schattauer Verlag
Der Schattauer Verlag für Medizin und Naturwissenschaften (gegründet 1949), Stuttgart, ist ein inhabergeführtes Traditionsunternehmen mit 60 MitarbeiterInnen. Zu den Standbeinen des Verlages zählen das renommierte Fachbuchprogramm (weltweite Anerkennung genießen dabei bspw. die Farbatlanten, u.a. Rohens „Anatomie des Menschen“, bereits in 20 Sprachen erschienen), 21 nationale und internationale Fachzeitschriften (die auflagenstärkste Zeitschrift ist die „Nervenheilkunde“, eine Zeitschrift aus dem Bereich der Neurowissenschaften) sowie die Kongressorganisation Schattauer Convention mit Fortbildungs-Seminaren für Human- und Veterinärmediziner. Ein mit dem Schattauer Verlag verbundenes Unternehmen ist der Psychiatrie Verlag, Köln.