Unzertrennlich mit einander verbunden: „Liebe und Aggression“

Interview mit Prof. Kernberg zu seinem gleichnamigen Buch

Prof. Otto F. Kernberg

Der international bekannte Psychoanalytiker Otto F. Kernberg berichtet im Interview, warum Liebe, Lust und destruktive Neigungen untrennbare Antagonisten der menschlichen Psyche sind.

Über Prof. Dr. med. Otto F. Kernberg:
Nestor der Persönlichkeitsforschung und -therapie, international renommierter Psychiater und Psychoanalytiker und Begründer der Borderline-Forschung; Direktor des Instituts für Persönlichkeitsstörungen des NewYork-Presbyterian Hospital, Westchester Division; Professor für Psychiatrie am Weill Cornell Medical College, New York; Past President der International Psychoanalytic Association, Autor zahlreicher Standardwerke der psychotherapeutischen Literatur.

1. Liebe und Aggression erscheinen auf den ersten Blick Gegensätze zu sein. Wieso sprechen Sie da in Ihrem neuen Buch von einer „unzertrennlichen Beziehung“?

Der Titel „Liebe und Aggression – Eine unzertrennliche Beziehung“ verweist auf die beiden wichtigsten Motive menschlicher Psychologie in Freunds klassischer Triebtheorie: Libido und Todestrieb. Die Auseinandersetzung mit dieser Theorie im Lichte zeitgenössischer Erkenntnisse sowie die Tatsache, dass Psychiater und Psychotherapeuten dieser Antinomie psychischer Disposition in ihrer klinischen Arbeit täglich begegnen, haben mich dazu bewogen, diesen Titel zu wählen.

Meiner Meinung nach sind die fundamentalsten biologisch determinierten Motivationssysteme des Menschen „Affekte“. Diese Affekte bestehen aus zwei großen Gruppierungen – das eine sind die positiven Affekte (die gemeinhin als Freudsche Libido gesehen werden) und die negativen Affekte. Ich verstehe Libido nicht als angeborenen Trieb, sondern als Resultat der Verschmelzung aller positiven Affekte und Aggression als Verschmelzung aller negativen Affekte. Das heißt, dass Freuds Triebverständnis in Anbetracht unserer heutigen neurobiologischen Kenntnisse umformuliert werden muss.

Jeder Mensch muss sich bereits in seiner frühesten Entwicklung in Anbetracht dieser zwei vollkommen entgegengesetzten Strömungen zurechtfinden. In den ersten drei Lebensjahren nimmt man Beziehungen entweder nur positiv, liebevoll und perfekt wahr oder negativ, schrecklich, erschreckend. Das langsame Verschmelzen dieser entgegengesetzten Polaritäten ist das fundamentale Kennzeichen einer emotionalen Reifung, das Entwickeln der Fähigkeit Ambivalenz zu tolerieren. Der Erkenntnis, dass man sich auch über Personen, die man liebt, ärgern kann – ohne dass das die Liebe zerstört.

Sexualität und sexuelle Erregung wird hauptsächlich von erotischen Gefühlen erzeugt, zum Teil spielt jedoch auch eine aggressive Komponente eine Rolle. Davon hängt die Intensität der Erotik ab. Vielen liebevollen Beziehungen verleiht diese Toleranz von Ambivalenz zusätzliche Tiefe, auch hinsichtlich der Wertsysteme innerhalb einer Beziehung. So dass man in einer Beziehung nicht nur Liebevolles erlebt, sondern auch Momente des Ärgers – dennoch gelingt es, die Beziehung intakt zu halten. Leidenschaft ist eine Verbindung von extremer Idealisierung mit einer kleinen Dosis von Enttäuschung und Versagen, Unzufriedenheit. Das gilt für Sexualität sowie das tägliche Zusammenleben und alle anderen Entwicklungen in der Beziehung.

2. Was macht Liebesbeziehungen für Patienten mit Persönlichkeitsstörungen – insbesondere Borderline-Störungen – so schwierig?

Im Grunde genommen das Vorherrschen von aggressiven Strömungen, die die Beziehungen beeinflussen – in sexueller Hinsicht, obwohl Aggression als Teil der sexuellen Erregung, wie ich vorhin ausgeführt habe, gut toleriert werden kann.

Bei einer schweren Persönlichkeitsstörung allerdings ist das hauptsächliche Problem, dass die verschiedenen Aspekte der Sexualität voneinander getrennt werden, so dass die Patienten bspw. unverhältnismäßig mehr unter illusionistischen, masochistischen, narzisstischen Bedürfnissen innerhalb der Sexualität leiden.
Die schwersten Fälle von Persönlichkeitsstörungen zeigen eine so überwältigende Intensität von Aggressivität, dass davon jegliche sexuelle Erregung erstickt wird. Solche Patienten haben überhaupt keine Fähigkeit, erotische Beziehungen zu haben. Sie leiden unter einer vollkommenen primären Hemmung sexuelle Erregung oder gar der Unfähigkeit, einen Orgasmus zu spüren.

Hinsichtlich Liebesbeziehungen besteht eine so starke Trennung zwischen positiven und negativen Gefühlen, dass diese Patienten zwischen intensiven Idealisierungen und entsetzlichen Aggressionen zum Partner hin- und hergerissen werden und dadurch natürlich Beziehungen zerstören können.
Auf dem Gebiet der ethischen und ideologischen Einstellungen kommt es dann zur Pathologie des Über-Ichs. Das heißt, dass Patienten exzessive Strenge gegenüber sich oder ihrem Partner walten lassen. So kommt es zu schweren sadomasochistischen Aspekten in der Beziehung.
All das sind Erscheinungen, die mit Vorherrschen von Aggression innerhalb einer prädominanten Liebesbeziehung verbunden sind, da die normale Integration von Aggression nicht erreicht wird.

3. Welche Einschränkungen der Liebesfähigkeit treten auf?

Es treten sehr viele Einschränkungen auf.
1. Vollkommene sexuelle Hemmung.
2. Die Unfähigkeit sich zu verlieben und überhaupt zu lieben, was typisch für schwere narzisstische Persönlichkeitsstörungen ist. Diese Patienten können sich nicht verlieben und ihre Liebesbeziehungen sind daher sehr kurz. Sie „entlieben“ sich schnell. Deshalb kommt es zu einer Promiskuität, weil sie nicht die Fähigkeit haben, eine Beziehung zu führen.

Eine andere Einschränkung ist eine komplette Trennung zwischen emotionaler Liebe und Zärtlichkeit, die sie in der Beziehung zu manchen Menschen spüren, und sexueller Erregung und Befriedigung mit anderen. Es ist ihnen nicht möglich, beides bei ein und derselben Person zu erleben – Zärtlichkeit und sexuelle Befriedigung.

Und dann gibt es natürlich schwere sexuelle Hemmungen der einen oder anderen Art. Es gibt Hemmungen, intime Beziehungen einzugehen, die verhindern, dass es zu erfüllenden Liebesbeziehungen kommt. Oder Liebesbeziehungen werden dauernd mit schweren Kämpfen belastet – aus allen Liebesbeziehungen werden dann sozusagen Tragödien. Daraus resultiert eine Überladung von negativen Affekten in Liebesbeziehungen mit der totalen Unfähigkeit eine stabile Liebesbeziehung herzustellen.

4. Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

Es gibt hauptsächlich zwei große Tendenzen in psychotherapeutischen Behandlungen. Es gibt den Ansatz der kognitive Verhaltensmodifikation und den der psychodynamischen Methodik.

Kognitive Verhaltensmodifikation kann hilfreich sein bei verschiedenen sexuellen Hemmungen und auch bei Paarkonflikten. Psychodynamische Behandlungen können dies auch, sie sollten aber in der Lage sein, die Persönlichkeitsstörung selbst zu lösen und damit auch die Unfähigkeit zu lieben.

5. „Wenn Du mich verlässt, bringe ich mich um – oder Dich“ – welche Mechanismen stehen hinter dieser Drohung?

Das Ende von langwierigen Beziehungen ist immer traumatisch. Scheidungen sind besonders dramatisch, insbesondere für Kinder.

Bei Patienten mit Persönlichkeitsstörungen sind aggressive Affekte in der Beziehung vollkommen vorherrschend. Auch bei normalen Patienten sind bei einer Trennung sehr oft intensive Aggressionen zum Vorschein gekommen, die zuvor von der Beziehung überdeckt waren. Libido und Aggression sind eng verwoben. Im Moment der Trennung gehen jedoch die liebevollen Aspekte verloren und es dominiert auf beiden Seiten aggressives oder masochistisches Verhalten.

Hinter den Drohungen – „ich bringe mich um“, „ich bringe dich um“ – steckt eine intensive Aggression. Entweder als direkter Angriff oder der Versuch, den anderen durch das Provozieren von schweren Schuldgefühlen zu verletzen. Therapeutische Beratung ist in diesem Moment sehr, sehr wichtig.

6. Schwerer Narzissmus ist eine krankhafte Form der Selbstliebe. Unter welchen Bedingungen sind diese Patienten unbehandelbar?

Narzisstische Patienten, die extrem antisoziale Züge zeigen, sind sehr schwer behandelbar. Sie sind durch eine Schwäche ihrer internalisierten ethischen „Stimme“ gekennzeichnet, das heißt es fehlt ihnen die Entwicklung normaler Moralität. Sie zeigen kein Schuldgefühl gegenüber anderen. Je schwerer die antisozialen Züge, desto schlechter die Prognose.

Narzisstische Patienten benützen ihre Pathologie, um die Gesellschaft zu erpressen. Wenn sie das effektiv einsetzen, ist die Prognose für die Behandlung sehr schlecht. Denn der Sekundärgewinn ist maximal.
Wenn intensive Gewalttätigkeit gegen andere und auch gegen sich selbst dominiert, wird die Prognose schlimm. Die Gewalttätigkeit kann sich in chronischen Selbstverletzungen zeigen als Protest gegen die Außenwelt, als Zeichen, dass diese Patienten keine Angst vor Krankheit, Tod und Schmerz haben. Extreme Fälle dieser Art können unbehandelbar sein.

7. Im Trauerprozess steht die Liebe zu einem verstorbenen Menschen im Zentrum. Wie gehen Patienten mit Persönlichkeitsstörungen damit um?

Da gibt es sehr unterschiedliche Möglichkeiten.
Es gibt manche Patienten mit schweren Persönlichkeitsstörungen, denen die Fähigkeit Trauer zu spüren fehlt, wo also ein Trauerprozess gar nicht möglich ist. Sie verleugnen jede Trauer – in einer Art hypomanischem Verhalten: Der Tod spielt keine Rolle, jeder Mensch kann ersetzt werden.

In anderen Fällen ist der Trauerprozess jedoch so zerstörend für den Patienten, dass schwere Regressionen stattfinden und beispielsweise schwere Selbstmordtendenzen auftreten.

Und dann gibt es andere Menschen, die sich gegen eine Trauer wehren, indem sie sich die Schuldgefühle – die eine normale Komponente jeder Trauer darstellen – gänzlich vom Leibe halten und auf andere projizieren. Sie suchen Schuldige, die sie verfolgen können.
Eine geliebte Person ist gestorben. Der Patient kann das nicht ertragen und denkt sich: Sicher wurde die geliebte Person schlecht behandelt. Er entwickelt paranoide Beziehungen, z.B. gegen die Ärzte, die für den Tod verantwortlich sein sollen bzw. ihn nicht verhindert haben.

Das Interview führte Stefanie Albert

Von Prof. Kernberg ist im Schattauer Verlag folgender Titel zum Thema erschienen:


Otto F. Kernberg:
Liebe und Aggression

Eine unzertrennliche Beziehung

2014. 394 Seiten, geb.
D: € 49,99 / A: € 51,40
ISBN: 978-3-7945-2945-2

Opens external link in new windowMehr zum Buch

 

 

Pressekontakt:
Stefanie Albert
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Schattauer GmbH
Verlag für Medizin und Naturwissenschaften
Hölderlinstrasse 3
70174 Stuttgart
Tel: 0711-22987-20
Fax: 0711-22987-85
E-Mail: Opens window for sending emailstefanie.albert(at)schattauer.de

_____________________________________________________________

Über den Schattauer Verlag
Der Schattauer Verlag für Medizin und Naturwissenschaften (gegründet 1949), Stuttgart, ist ein inhabergeführtes Traditionsunternehmen mit 60 MitarbeiterInnen. Zu den Standbeinen des Verlages zählen das renommierte Fachbuchprogramm (weltweite Anerkennung genießen dabei bspw. die Farbatlanten, u.a. Rohens „Anatomie des Menschen“, bereits in 20 Sprachen erschienen), 21 nationale und internationale Fachzeitschriften (die auflagenstärkste Zeitschrift ist die „Nervenheilkunde“, eine Zeitschrift aus dem Bereich der Neurowissenschaften) sowie die Kongressorganisation Schattauer Convention mit Fortbildungs-Seminaren für Human- und Veterinärmediziner. Ein mit dem Schattauer Verlag verbundenes Unternehmen ist der Psychiatrie Verlag, Köln.