Kirsten Stang und Prof. Ulrich Sachsse: Justiz und Traumatisierungen – Wissen für Juristen und Psychotherapeuten

Kirsten Stang

Ulrich Sachsse

Anzeigen oder nicht?! Traumatisierungen und der Umgang der Justiz mit den Opfern rücken zunehmend in den gesellschaftlichen und politischen Fokus. Die intensive Aufarbeitung des Missbrauchs von Schutzbefohlenen durch Kirchen, pädagogische und therapeutische Einrichtungen ist hierfür ein eindrückliches Beispiel. Die Oberstaatsanwältin Kirsten Stang und der Psychotherapeut Prof. Ulrich Sachsse vereinen in ihrem Buch Opens external link in new window„Trauma und Justiz“ Wissen aus den beiden Bereichen Justiz und Psychologie und vermitteln psychotherapeutische Grundlagen für Juristen sowie juristische Grundlagen für Psychotherapeuten.


•    An welchen Stellen fehlt Ihren Kollegen in der Praxis meist das nötige Wissen und bei welchen Berührungspunkten der beiden Fachgebiete herrschen gewöhnlich die meisten Unsicherheiten?


Stang: In der juristischen Ausbildung kommen generell psychologische Aspekte zu kurz. So fehlt insbesondere das Wissen um Trauma und Traumafolgen, was wiederum eine Unsicherheit im Umgang mit Opfern hervorruft. Gleichzeitig haben wir unsere Aufgabe, die Wahrheitssuche, so verinnerlicht, dass wir es uns manchmal kaum vorstellen, dass Psychotherapie nicht nach der objektiven Wahrheit fragt, sondern nach einer subjektiven Wahrheit gesucht wird, die stimmig ist.

Sachsse:
Psychotherapeuten betrachten erstmal alles durch die Brille: Ich will helfen, es soll diesem konkreten Menschen besser gehen. Sie erwarten oft, dass durch einen Prozess die Psychotherapie unterstützt wird. Aber ein Prozess ist nicht die Fortsetzung einer Psychotherapie mit anderen Mitteln. Ein Prozess unterliegt dem juristischen Denken, und das ist ganz anders als das Denken des Psychotherapeuten. Genau diesem unterschiedlichen Denken ist unser gemeinsames Buch gewidmet.


•    Die 2. Auflage Ihres Buches beinhaltet die neuen Gesetzesgrundlagen zur 2. Opferrechtsreform und das Gesetz zur Stärkung der Rechte von Opfern sexuellen Missbrauchs (StORMG) – was sind darin die wichtigsten Fortschritte für traumatisierte Opfer?

Stang: Opfer haben ein Recht auf Schutz durch den Staat vor einer erneuten Traumatisierung. Diese vom Bundesgerichtshof schon länger postulierte Pflicht hat mit den Opferrechtsreformgesetzen Eingang in die Strafprozessordnung gefunden.

Das 2. Opferrechtsreformgesetz (2009) hat unter anderem die Nebenklage auch für Raubtaten etc. ermöglicht. Das sogenannte StORMG (2013) beinhaltet teilweise eine Umsetzung der Forderungen des Runden Tisches gegen sexuelle Gewalt, der nach dem Bekanntwerden der sexuellen Übergriffe in kirchlichen Einrichtungen ins Leben gerufen wurde. Kernpunkte sind die Verlängerung der Verjährungszeiten für Missbrauch und Misshandlung von Kindern und Jugendlichen sowie für zivilrechtliche Forderungen des Opfers gegen den Täter. Weitere Einzelregelungen sollen weiter verhindern, dass wiederholte Vernehmungen Opfer unangemessen belasten. 


•    Was macht Gerichtsverfahren bei traumatisierten Klägern/Opfern so schwierig?

Stang: Wir Juristen müssen darauf vorbereitet sein, dass die Erinnerungsfähigkeit bei traumatisierten Menschen noch umfangreicher eingeschränkt, gestört oder verändert ist als sie es bei uns Menschen generell leider sowieso ist. Das erschwert die Wahrheitsfindung.

Sachsse: Opfer erwarten im Prozess Gerechtigkeit, vielleicht aber auch Wiedergutmachung oder Rache, Vergeltung. Diese Wünsche werden durch einen Prozess aber selten erfüllt.


•    Wie können Opfer in Gerichtsverfahren geschützt werden?

Stang: Nur ein informiertes Opfer kann seine Rechte wahrnehmen. Deshalb muss es von den Ermittlungsbehörden umfassend über seine Rechte informiert werden.

Das Opfer kann sich über einen Anwalt juristische und über eine Zeugenbetreuungseinrichtung psychosoziale Unterstützung holen und sollte dies auch tun. In der Hauptverhandlung stärkt die Nebenklage das Opfer und kann dessen Bedürfnisse im Rahmen der Prozessordnung artikulieren, z.B. den Ausschluss der Öffentlichkeit beantragen. Vor genauen, intensiven Befragungen durch Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung kann das Opfer aber nicht generell geschützt werden – hier hat dann die Wahrheitsfindung Vorrang. Genau deshalb ist es wichtig, dass Opfer über den Sinn des Strafverfahrens und dessen Zielsetzung genau informiert sind.


•    Wann macht eine Klage/Anzeige Ihrer Erfahrung nach keinen Sinn, sondern vertieft das Trauma nur?

Sachsse: Nach meiner Erfahrung aus drei Jahrzehnten therapeutischer Arbeit gilt Folgendes: Wenn eine Straftat gerade geschehen ist, wenn es möglich war, Spuren zu sichern, wenn eine Aussage rasch möglich war – dann ist ein Anzeige richtig, dann ist ein Prozess hilfreich auch im therapeutischen Sinne, dann sollten Psychotherapeuten ihre Opfer-Patientinnen unterstützen auf dem Weg bis zum Urteil. Das sollten sie möglichst informiert tun.

Wenn aber die Straftat lange zurück liegt, wenn das Opfer noch Kind oder Jugendliche war, wenn bereits psychotherapeutische Behandlungen nötig waren, wenn dabei Diagnosen auftauchen wie „Borderline-Persönlichkeitsstörung, paranoid-psychotische Erlebnisverarbeitung, dissoziative Störung, Abusus-Verhalten, Sucht“ – dann werden Aussagepsychologische Gutachten erforderlich, die Staatsanwaltschaft bringt zur Enttäuschung der Opfer das Geschehen vielleicht gar nicht erst zur Anklage vor Gericht, dann werden die Zeugenbefragungen vor Gericht sehr anzweifelnd, dann kann ein Prozess die traumatische Erfahrung von Hilflosigkeit, Unrecht und Wirkungslosigkeit bei einem Opfer verstärken. Das sollten erfahrene Psychotherapeuten ihren Patienten ersparen.

Stang: Als Juristin und Oberstaatsanwältin muss ich vertreten: Eine Anzeige ist juristisch immer richtig, eine Ermittlung sollte immer eingeleitet werden. Als Mensch und Frau muss ich sagen: Leider hat Herr Sachsse in vielen Fällen Recht. Es ist für Opfer eine oft sehr bittere Erfahrung, dass nicht jedes Unrecht „justiziabel“ ist. Ist eine schwere Straftat aber erst einmal angezeigt, gibt es kein Zurück mehr. Auch wenn das Opfer das Verfahren irgendwann nicht mehr will – der Staat ist verpflichtet, von Amts wegen zu ermitteln.


•    Warum ist es wichtig, dass Juristen sich mit dem Thema Trauma auseinandersetzen? Wie hilft ihnen das bei der Arbeit?

Stang: Es ist immer ein Vorteil, gut informiert zu sein. Alle Prozessbeteiligten können präziser fragen, können Aussagen besser gewichten und auch entscheiden, wann ein Aussagepsychologisches Gutachten eingeholt werden sollte. Nebenklageanwälten helfen Kenntnisse der Wirkung eines Traumas, weil sie im Rahmen von Vorgesprächen etc. unmittelbaren Umgang mit dem Opfer und dessen Gefühlen haben.


•    Nicht nur Opfer, auch Zeugen beispielsweise einer Gewalttat können ein Trauma davontragen. Was sollte man bei der Vernehmung solcher Zeugen beachten?

Sachsse:
Zeugenschaft eines traumatischen Ereignisses kann ebenso traumatisieren wie die direkte Beteiligung als betroffenes Opfer. Ich habe schon mehrfach Menschen in einer Krisenintervention behandeln müssen, damit sie als Zeugen vor Gericht überhaupt aussagen konnten. Die waren manchmal destabilisierter als das Opfer selbst. Diese Tatsache wird nicht immer genug berücksichtigt. Hier sollte eine Krisenintervention erfolgen mit therapeutischen Vorgehensweisen, die die Erinnerung nicht beeinträchtigen.

Stang: Auch andere Zeugen können „zusammenbrechen“, im Fachjargon „dekompensieren“. Deshalb ist es immer sehr hilfreich und keinesfalls ein Zeichen von Schwäche, wenn ein Zeuge, der psychische Probleme hat, dies vorher dem Gericht anzeigt. Dann kann z.B. im Extremfall auch schon im Vorfeld ein Zeugenbeistand beigeordnet werden.


•    Inwieweit wirkt es sich positiv für den traumatisierten Kläger und auch den Juristen aus, wenn der Psychotherapeut mit dem allgemeinen juristischen Prozedere und vor allem auch dem Ablauf vor Gericht vertraut ist?

Sachsse: Ein informierter Psychotherapeut wird nicht empört reagieren, wenn deutlich wird, dass juristische Prozesse keine Psychotherapie sind. Er wird die Juristen nicht dämonisieren, wird sie nicht einem Freund-Feind-Schema unterwerfen. Er wird keine unerfüllbaren Hoffnungen im Patienten wecken, die die Juristen gar nicht erfüllen können. Und er wird die aktuell wirksame Realität kennen und vertreten und seinem Patienten vermitteln. Auf einem Frühstückbrettchen habe ich den Spruch gelesen: „Hier ist nicht Wünsch dir was, hier ist So is’ es“.

Stang: Das Wissen um die Abläufe ermöglicht es dem Therapeuten, dem Opfer Verständnis für das Vorgehen von Gericht und Staatsanwaltschaft zu vermitteln und ihm damit aus dem Gefühl der Hilflosigkeit heraus zu helfen.

Wenn die Polizei gut ermittelt, die Staatsanwaltschaft fundiert anklagt, die Nebenklage juristisch korrekt das Opfer unterstützt, die Frauenberatung eine informierte Prozessbegleitung macht, die Verteidigung die Rechte des Angeklagten angemessen vertritt und der Psychotherapeut informiert behandelt, dann sind Psychotherapie und juristische Wahrheitsfindung keine Feinde. Dann wird dem Opfer therapeutisch geholfen und es findet juristisch sein Recht – jedenfalls steigt die Wahrscheinlichkeit für beides so erheblich.


Vielen Dank für dieses interessante Gespräch.

Kirsten Stang / Ulrich Sachss
Opens external link in new windowTrauma und Justiz
Juristische Grundlagen für Psychotherapeuten - psychotherapeutische Grundlagen für Juristen
2., überarb. Aufl. 2014. Ca. 224 Seiten, 2 Abb., geb.
D: € 54,99 / A: € 56,50
ISBN: 978-3-7945-2858-5 (Print)

Kirsten Stang
Oberstaatsanwältin der Staanwaltschaft Braunschweig. Bis 2000 Leitung des Dezernats „Sexuelle Gewalt“. 2001–2005 Vorsitzende der Stiftung Opferhilfe für die Region Braunschweig. Seit 2003 stellvertretende Vorsitzende des Niedersächsischen Richterbundes, Mitglied der Staatsanwaltskommission des Deutschen Richterbundes und Richterin am Niedersächsischen Disziplinargericht. 2006–2007 stellvertretende Leiterin der Jugendanstalt Hameln. Danach Abteilungsleiterin bei der Staatsanwaltschaft Braunschweig mit dem Schwerpunkt Kapitaldelikte.

 

Prof. Dr. med. Ulrich Sachsse
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalyse, Psychotraumatologie (DeGPT); Asklepios Fachklinikum Göttingen; 2004 Preis der Dr. Margrit Egnér-Stiftung, Zürich; 2006 Hamburger Preis Persönlichkeitsstörungen.

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Über den Schattauer Verlag
Der Schattauer Verlag für Medizin und Naturwissenschaften (gegründet 1949), Stuttgart, ist ein inhabergeführtes Traditionsunternehmen mit 60 MitarbeiterInnen. Zu den Standbeinen des Verlages zählen das renommierte Fachbuchprogramm (weltweite Anerkennung genießen dabei bspw. die Farbatlanten, u.a. Rohens „Anatomie des Menschen“, bereits in 20 Sprachen erschienen), 21 nationale und internationale Fachzeitschriften (die auflagenstärkste Zeitschrift ist die „Nervenheilkunde“, eine Zeitschrift aus dem Bereich der Neurowissenschaften) sowie die Kongressorganisation Schattauer Convention mit Fortbildungs-Seminaren für Human- und Veterinärmediziner. Ein mit dem Schattauer Verlag verbundenes Unternehmen ist der Psychiatrie Verlag, Köln.