Von der Uni in die Praxis - Dr. Kugelstadt gibt Berufseinsteigern Tipps für den Start in den Arztalltag

Am Ende des Medizinstudiums kommen viele praktische Fragen auf: Wie finde ich einen passenden Arbeitsplatz? Welche Rechte und Pflichten habe ich nun? Wie gelingt mir der optimale Einstieg ins Berufsleben? Dr. Alexander Kugelstadt verrät in seinem Buch Opens external link in new window"Berufseinstieg Arzt" wertvolle Tipps für "frisch gebackene" Ärzte - von der Beantragung der Approbation bis zur Facharztprüfung, vom korrekten Ausfüllen eines Rezeptes bis zur Kommunikation mit Patienten und Kollegen.

Im Interview plaudert Dr. Kugelstadt aus dem Nähkästchen wie er den Berufseinstieg erlebt hat und was ihn dazu bewogen hat, sein Buch zu schreiben.

Dr. Kugelstadt

Wie kamen Sie auf die Idee, Ihr Buch „Berufseinstieg Arzt“ zu schreiben? Inwieweit war das Vorhaben durch Ihren eigenen Werdegang inspiriert?

Die Idee ist entstanden, nachdem ich in den ersten zwei bis drei Berufsjahren an verschiedenen Stellen auf Fallstricke und Schwierigkeiten gestoßen war, mit denen ich niemals gerechnet hatte. Auch von Kolleginnen und Kollegen hörte ich immer wiederkehrende, sehr ähnliche Problembeschreibungen. Es war ungewohnt - anders als in der Uni - gar nicht auf das, was auf einen zukommt, vorbereitet zu werden. Da ich immer schon gerne geschrieben und Informationen zusammengefasst habe, dachte ich dann irgendwann: Ich schreibe jetzt einmal alles Wichtige für die anspruchsvolle Phase des Berufseinstieges als Arzt zusammen. Vielleicht kann ich Kollegen so den einen oder anderen Stolperstein aufzeigen, der sich dann oft leicht aus dem Weg räumen lässt.

In Ihrem Vorwort schreiben Sie, „Ärzte haben den schönsten und vielseitigsten Beruf der Welt“. Welche Gründe stehen für Sie hinter dieser Leidenschaft zu Ihrem Beruf?

Den haben sie wirklich. Zunächst einmal ist der Arztberuf ein freier Beruf. Das heißt, es gibt weder eine "Medizinbehörde" noch ein "Amt für ärztliche Fragen", das den Ärzten vorschreiben würde, wie sie handeln und wirken müssen. Da ist prinzipiell jeder Arzt seinem Wissen und Gewissen verpflichtet. Nun haben sich Ärzte aus guten Gründen Strukturen der Selbstverwaltung geschaffen, im Rahmen derer sie selber die wissenschaftlichen, ethischen und formalen Standards ihrer Berufsausübung beschließen und umsetzen. So hat man als Arzt die Möglichkeit, auf den verschiedensten Ebenen direkt Einfluss auf die eigene Arbeit zunehmen und das Berufsbild aktiv mitzugestalten. Das ist eine große Freiheit. Dazu kommt eine hohe Flexibilität bei der Jobwahl - der Arbeitsmarkt für Ärzte ist grandios, und medizinisches Wissen ist auch in vielen alternativen Berufsfeldern gefragt. Außerdem sehen Mediziner fast immer großen Sinn in dem was sie tun: ebenfalls ein Privileg, was heute vielen Menschen im Berufsalltag fehlt. Aus diesen und weiteren Gründen haben Ärztinnen und Ärzte die besten Voraussetzungen für eine stetige individuelle persönliche Entwicklung. Klingt wirklich gut, oder?

Ja, sehr! Was war denn für Sie persönlich nach dem Examen die größte Herausforderung?

Das Medizinstudium empfand ich als relativ vielseitig, und verschiedene Teilbereiche der Medizin haben mich inspiriert. Ich fand es wirklich schwer, mich für einen Werdegang bzw. für einen Schwerpunkt zu entscheiden. Gerade die allgemeine Medizin mit Blick über die Tellerränder der Fachgebiete interessiert mich. Die Tendenz ging jedoch lange in die Richtung von Spezialisierungen und Subspezialisierungen, sodass ich es als eine Herausforderung empfinde, meine Vorstellungen über eine gelungene ärztliche Tätigkeit im Blick zu behalten.

Was macht gerade den Berufseinstieg als Arzt so anspruchsvoll?

Sie müssen sich vorstellen, dass sich im Medizinstudium praktisch alles um die Ausbildung des angehenden Arztes dreht. Uns Medizinern wird im Studium schon eine ganze Menge an Vorlesungen, Seminaren, Kursen und guten Skripten bzw. Fachliteratur aufgefahren. Im Praktischen Jahr gibt es dann manchmal den ersten Dämpfer, plötzlich nicht mehr so wichtig zu sein oder sogar viele Routineaufgaben übernehmen zu müssen - wobei die meisten Medizinstudenten heute zum Glück gegen Ausnutzung protestieren würden.
Aber im Berufseinstieg sehen sich junge Ärzte plötzlich mit den verschiedensten Interessen anderer konfrontiert: die Klinik-Geschäftsführung, der Chefarzt, das Pflegepersonal, die Patienten, das Gesundheitssystem - alle haben von Natur aus andere Interessen als der Berufseinsteiger, der unter guten Arbeitsbedingungen eine solide Ärztliche Weiterbildung absolvieren möchte und dabei hoffnungslos auf sein Abteilungsteam und die erfahreneren Kollegen angewiesen ist.

Hat die Weiterbildung nach dem Examen einen hohen Stellenwert?

Einen sehr hohen! Für jedes Fachgebiet gibt es von der Selbstverwaltung der Ärzteschaft (genauer: der Landesärztekammer des jeweiligen Bundeslandes) eine ständig überarbeitete Weiterbildungsordnung, deren Kriterien man erfüllen muss, um nach mindestens vier bis sechs Jahren die Facharztanerkennung zu erhalten. Diese kontinuierlich zu verfolgen, ist sehr wichtig, weil sie den Arzt flexibler und selbstständiger macht und befähigt, seinen Neigungen - wie z. B. Niederlassung in eigener Praxis oder Arbeit als Oberarzt im Krankenhaus - nachzugehen. Die Facharztbezeichnung ist hierfür ein sehr wichtiger Qualifikationsnachweis innerhalb der medizinischen Welt. Außerdem haben Studien herausgefunden, dass der gesundheitsschädliche Stress - unter dem leider vor allem Berufsanfänger leiden - deutlich sinkt, wenn Ärzte mehr Kompetenzen erlangen und auf der Karriereleiter vorankommen.

Was müssen Berufsanfänger aus Ihrer Sicht bei der Kommunikation mit Patienten und Angehörigen besonders berücksichtigen?

Wichtig ist, sich klar zu machen, dass man durch das unglaublich umfangreiche Studium und die praktischen Erfahrungen in Pflegepraktikum, Famulaturen und im Praktischen Jahr bereits sehr viele Erfahrungen gesammelt hat und ganz sicher viele ungewohnte, neue Situationen meistern wird. Man sollte bei der Kommunikation darauf achten, sich nicht zu übernehmen und nicht ständig mit gutem Vorsatz aber unreflektiert auf die Umwelt zu reagieren. Sobald man als Arzt von Patienten oder Angehörigen zwischendurch angesprochen wird, stellen sich nämlich eine Reihe von Fragen: Erlaubt mir die Schweigepflicht eine Auskunft in dieser Sache? Habe ich gerade Zeit für dieses Gespräch? Ist der Rahmen für die jeweilige Unterredung angemessen?
Oft hat es sich als hilfreicher erweisen, ein Gespräch freundlich auf die Visite oder einen späteren Termin zu verschieben oder z. B. Angehörige höflich zu bitten, sich doch zunächst vom Patienten selber über den Fortgang der Therapie aufklären zu lassen.
Besonders anstrengend sind natürlich die ersten Wochen, wenn die Patienten sich vielleicht besser auf der Station auskennen als man selber. Dabei ist es doch immer wieder überraschend wie humorvoll Patienten sind - keiner reißt einem den Kopf ab, wenn man selber nicht weiß, wo noch gleich das Blut abgenommen wird.

„Burnout“ ist in aller Munde und macht gerade auch vor Ärzten nicht Halt. Wie schafft man es besonders als Berufsanfänger – für den alles neu und ungleich stressiger ist, als für routinierte Kollegen – seine Gesundheit zu schonen?

Das ist natürlich - wie vieles andere auch - eine sehr individuelle Sache. Protektiv ist es sicher, wenn man weiß, warum man auf welche Weise handelt:
Wer jeden Tag zwei Überstunden macht, weil er auf seiner Traumstelle gelandet ist und so noch besser mit der eigenen Forschung vorankommt und die spätere Oberarztstelle fest im Visier hat, ist womöglich weniger gefährdet als jemand, der täglich eine Überstunde macht und sehr unglücklich mit der Situation in seiner Klinik oder Praxis ist, sich aber nicht traut zu kündigen. Neben den zahlreichen üblichen Tipps wie Freizeitgestaltung etc. empfehle ich jungen Ärzten, sich jedes halbe Jahr einen Abend hinzusetzen und zu bilanzieren: Habe ich in den letzten Monaten meine Weiterbildungsinhalte zusammenbekommen? Lohnt sich für mich persönlich der Einsatz, den ich bringe? Wäre es gewinnbringend, etwas an meiner Situation zu verändern?
Die schlimmsten Fälle von Erschöpfung bei Ärzten treten auf, wenn man in der Alltags-Mühle „gefangen" ist, nichts mehr hinterfragt und das alles als unbeeinflussbar erlebt.

Was sind die - sagen wir drei - größten Herausforderungen, die Ihnen zum Berufseinstieg spontan einfallen?

Erstens herauszufinden, ob die erste Stelle die eigenen Erwartungen erfüllen wird, zweitens eine ganze Reihe von (eigentlich ziemlich interessanten) Formalien und neuen Rechten und Pflichten zu kennen und drittens die Balance zwischen eigenständigen Entscheidungen und Rückversicherungen bei den Oberärzten oder dem Chef zu finden.

Vielen Dank für das Gespräch.

Ich danke ebenfalls. Ich wünsche allen Kollegen zum Berufseinstieg, dass sie ihre Ziele im Blick behalten!


Das Gespräch führten Doris Gundert (Osiander Tübingen) und Stefanie Engelfried (Schattauer Verlag)

Pressekontakt:
Stefanie Engelfried
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Über den Schattauer Verlag
Der Schattauer Verlag für Medizin und Naturwissenschaften (gegründet 1949), Stuttgart, ist ein inhabergeführtes Traditionsunternehmen mit 60 MitarbeiterInnen. Zu den Standbeinen des Verlages zählen das renommierte Fachbuchprogramm (weltweite Anerkennung genießen dabei bspw. die Farbatlanten, u.a. Rohens „Anatomie des Menschen“, bereits in 20 Sprachen erschienen), 21 nationale und internationale Fachzeitschriften (die auflagenstärkste Zeitschrift ist die „Nervenheilkunde“, eine Zeitschrift aus dem Bereich der Neurowissenschaften) sowie die Kongressorganisation Schattauer Convention mit Fortbildungs-Seminaren für Human- und Veterinärmediziner. Ein mit dem Schattauer Verlag verbundenes Unternehmen ist der Psychiatrie Verlag, Köln.