In der Diskussion: Assistierter Suizid und Sterbebegleitung

Stellungnahme von Prof. Dr. Gerhard Pott

Insbesondere in den letzten Jahren werden Fragen rund um die Sterbebegleitung europaweit verstärkt diskutiert. Dabei werden verschiedene Begrifflichkeiten in der Öffentlichkeit häufig nicht sachgerecht verwendet und führen bei diesem stark emotionalen Thema zu zusätzlicher Verwirrung.
Prof. Dr. Gerhard Pott (Arzt für Innere Medizin, Gastroenterologie und Palliativmedizin, Ethikseminar Kloster Frenswegen, Vorlesungstätigkeit an der Universität Münster) nimmt zu den aktuellen Entwicklungen und Diskussionen Stellung.

Prof. G. Pott

Erneut werden Regelungen zur Sterbebegleitung, speziell zum assistierten Suizid in Deutschland diskutiert. An verschiedenen Gesetzesvorschlägen wird gearbeitet. In Deutschland ist die Beihilfe zur Selbsttötung (Suizid) straffrei, bisher steht eine gesetzliche Einführung einer Tötung auf Verlangen (aktive Sterbehilfe) wie in den Benelux – Staaten nicht zur Diskussion. Kern der Überlegungen ist die Frage, ob und welche Rolle Ärztinnen und Ärzte bei der Beihilfe zum Suizid haben sollen.

Bisher gilt für sie Straffreiheit, nach dem dem Strafrecht untergeordneten ärztlichen Berufsrecht ist sie aber verboten. Allerdings ist in 6 Landesärztekammern – führend für das Gesundheitswesen in Deutschland sind die jeweiligen Bundesländer – berufsrechtlich die ärztliche Suizidhilfe nicht verboten. Dazu siehe später.

Garantenstellung der Ärzte

Nach einem Gesetzesvorschlag (Borasio et al. 2014) sollen Organisation und  Beihilfe zum Suizid verboten werden, ausgenommen für Ärztinnen und Ärzte und engste Verwandte und Freunde. Voraussetzung ist ein überprüfter Patientenwunsch und eine zum Tode führende Krankheit. Das ärztliche Personal soll ausdrücklich von seiner Garantenstellung, d.h. lebenserhaltend helfen zu müssen, befreit werden.

Unzweifelhaft soll die Selbstbestimmung (Autonomie) des Kranken gestärkt werden, er soll nicht nur selbst entscheiden, wann er sein Leben beendet, sondern dazu auch Hilfe erhalten, was in eine organisierte Sterbehilfe übergehen könnte.
Dass die Sorge um Kranke und ihre Begleitung beim Sterben die Fürsorge in einer Gesellschaft (common sense) maßgeblich stärkt und dass das Tötungsverbot als Basismoral geschwächt werden könnte, wurde bisher wenig erwähnt. Könnte die Organisation des ärztlich assistierten Suizids zu einem allgemeinen Rat in der Gesellschaft an die Alten und Kranken führen, über ein sozial verträgliches Ableben nach zu denken, nicht nur um Ressourcen zu sparen sondern auch durch Selbstelimination den Leidensanblick für die Gesunden und Attraktiven zu reduzieren?

Leiden lindern

In einer sich vereinzelnden Gesellschaft, die sich stetig weiter selbstoptimieren soll, sind Krankheit, Leiden und Behinderung nur nachteilig konnotiert, nicht als Teil unseres Lebensschicksals angesehen. Um keinen Zweifel aufkommen zu lassen, es ist ein hohes ethisches Gebot, alle erdenklichen Möglichkeiten zu nutzen, um Leiden zu lindern. Alle, die aktiv als Ärztliches oder Pflegepersonal tätig sind und waren, wissen, wie gut man Leiden lindern kann, wenn nur genug fachlich erfahrenes und empathisches Personal zur Verfügung ist.

Und auch ethisch und rechtlich ist es dem Personal auf der Basis von Patientenverfügungen und den besonders wichtigen Vorsorgevollmachten möglich, Leiden durch Sterbenlassen (passive Sterbehilfe) und Hilfe beim Sterben zu beseitigen oder zumindest wirkungsvoll stark zu reduzieren. Mit Hilfe beim Sterben ist die indirekte Sterbehilfe und der Sonderfall einer palliativen Sedierung gemeint, d.h. Gabe von Schmerz- und Beruhigungsmitteln zur Linderung, auch wenn dadurch der Tod theoretisch eher eintreten sollte.

Zeit und Geldmangel

Dazu mangelt es aber zunehmend an Personal und Geld, denn die Zahl der Leidenden wächst in einer alternden Gesellschaft und die überbordende Bürokratie bindet das Personal zunehmend.
Kritisch gesehen sind wir gern bereit über Palliativmedizin und Hospize zu reden und viele Veranstaltungen ab zu halten. Aber ist in der Öffentlichkeit auch bekannt, dass die Betriebskosten von Hospizen nur zu 90% bezahlt werden und 10 Prozent als Spenden eingeworben werden müssen? Wohlgemerkt nicht von Investitionen sondern schlicht für die täglichen Kosten des Betriebs. 

Der Standpunkt medizinischer Fachgesellschaften, allen voran der deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, ist klar: Nicht Freigabe der ärztlich organisierten Beihilfe zum Suizid, sondern Ausbau der Palliativmedizin und -pflege sind die wirklichen Hilfen für eine alternde Gesellschaft.
Damit wird den Kranken am Lebensende geholfen und die Würde des Menschen, der nicht Mittel zum Zweck eines ökonomisch günstigen Ablebens werden darf, gewahrt.

Verschiedene Länderpositionen im Überblick

Es lohnt ein Blick auf Regelungen anderer europäischer Länder: Uns gemeinsam ist ein historisch weit zurück verfolgbares Tötungsverbot als wesentliches  kulturelles, durch Religionen und Philosophien tradiertes Merkmal. Im positiven Sinn drückt sich das in der bereits prähistorisch nachweisbaren Fürsorge für kranke und alte Menschen aus.

Mit Ausnahme der BeNeLux Länder, die nur eine sehr geringe Zahl an Einwohnern Europas repräsentieren, ist die Tötung auf Verlangen (aktive Sterbehilfe) in allen anderen europäischen Ländern verboten. Sie steht in dem in Deutschland diskutierten Gesetzentwurf zur Sterbebegleitung nicht zur Diskussion.

In 13 von hier genannten 18 Ländern ist die Assistenz zum Suizid verboten, Deutschland hat mit seiner bisherigen Gesetzgebung schon eine liberale Position inne.
Verbietet man diese Assistenz und will andererseits keine organisierte Assistenz zum Suizid durch ausgenommene Gruppen wie Ärzte und enge Angehörige, bleibt nur die Regelung, für alle Ärztinnen und Ärzte auch berufsrechtlich die Assistenz nicht zu verbieten. Da es sich immer um eine persönliche, dilemmahafte Situation handelt, sollte man sie im engen zwischenmenschlichen Bereich belassen und nicht organisieren. Die meisten Menschen, ob lebensendlich krank oder an ihrem Leben zweifelnd, suchen Trost, nicht  primär eine Möglichkeit, aus dem Leben zu scheiden.

(Stellungnahme zur Sterbebegleitung, die Prof. Pott als Mitglied des Expertenworkshops zur „Weiterentwicklung der Hospiz- und Palliativversorgung in Niedersachsen“ am 2.12.14 in der Universität Osnabrück, Institut für Pflegewissenschaften, und in der neuen Patienten-Leitlinienkommission der Bundesärztekammer, Zentrum für Qualität, zur Palliativmedizin am 8.12.14 in Berlin vertreten hat. vgl. auch Klosterbrief Frenswegen)

 

Von Prof. Pott ist im Schattauer Verlag aktuell folgender Titel zum Thema erschienen:

Gerhard Pott / Durk Meijer
Sterbebegleitung in Europa
am Beispiel Deutschlands und der Niederlande
mit einem Exkurs zur intuitiven Ethik
Met een Nederlandse inleiding
Including English summary

2015. 138 Seiten, 6 Abb., kart.
D: € 19,99 / A: € 20,60
ISBN:
978-3-7945-3095-3 (Print)
978-3-7945-6907-6 (eBook PDF)

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