Das dialogische Selbst

Interview mit Dr. Frank-M. Staemmler

Dr. Staemmler

Dr. Frank M. Staemmler ist Dipl.-Psych., Psychotherapeut, Supervisor und Ausbilder am Opens external link in new windowZentrum für Gestalttherapie in Würzburg, dessen Mitbegründer er ist und wo er bis heute als Psychotherapeut tätig ist.
Er verfügt über die Anerkennungen als Personzentrierter Psychotherapeut durch die GwG, als Gestalttherapeut durch die DVG, als Klinischer Psychologe durch den BDP sowie als Supervisor durch den BDP und die DVG.

Im Schattauer Verlag hat er das Buch Opens external link in new window"Das dialogische Selbst. Postmodernes Menschenbild und psychotherapeutische Praxis" veröffentlicht, zu dessen Themenkomplex er uns freundlicherweise folgende Interviewfragen beantwortet hat.

Früher wollten die Psychotherapeuten dem „wahren“ Selbst ihrer Patienten auf die Schliche kommen, um es entsprechend therapieren zu können. Doch das „Selbst“ ist deutlich komplexer und lässt sich nicht auf eine Position festnageln. Was bedeutet diese Pluralität für die therapeutische Praxis?

Das, was wir ein „Selbst“ nennen, ist aus heutiger Sicht nicht nur sehr viel komplexer als es früher gedacht wurde, sondern auch nicht so festgelegt: Es ist viel ‚flüssiger’! Denn ein Selbst ist kein Ding, sondern ein Prozess, der ständig im Fluss ist und sich in Abhängigkeit von den Situationen, in denen ein Mensch sich befindet, jeweils neu und damit unterschiedlich formiert.

Doch selbst das ist noch eine vereinfachte Beschreibung. Denn der Selbst-Prozess hat in jeder gegebenen Situation auch eine mehr oder weniger große Anzahl von Facetten, auch „Selbst-Positionen“ genannt, die sich parallel bemerkbar machen: Fast immer aktivieren Menschen mehrere ‚Stimmen’ zugleich, von denen jede eine jeweils andere Stellung zu der aktuellen Situation einnimmt und jeweils andere Sichtweisen, Einstellungen und Gefühle mit sich bringt. Diese Selbst-Positionen stehen dabei natürlich nicht immer in Einklang, sondern oft auch in mehr oder weniger großem Widerspruch zueinander.

Man kann von daher sagen, dass das Selbst in zweifacher Hinsicht plural ist – erstens, weil es in jeder Situation mehrere Positionen einnimmt, und zweitens, weil es sich über die Zeit hinweg, von Situation zu Situation, auf eine jeweilige Weise konstituiert. Diese Pluralität kommt dadurch zustande, dass der Mensch, wie Martin Buber gesagt hat, „am Du zum Ich“ wird: Von Geburt an bildet sich das Selbst eines Menschen in der Interaktion mit seinen zunehmend zahlreichen Bezugspersonen, die sich ihrerseits mit ihren unterschiedlichen Facetten auf ihn beziehen, mit ihm kommunizieren und dabei ihre Spuren dadurch hinterlassen, dass das Selbst sich diese Interaktionen kreativ aneignet.

Was primär als Kommunikation zwischen Menschen stattgefunden hat, findet dann in psychischen Prozessen seine individuelle Form. Lev Vygotskij, auf den ich mich in meinem Buch mehrfach beziehe, hat diesen grundlegenden entwicklungspsychologischen Sachverhalt sogar als „psychologisches Grundgesetz“ und das individuelle Selbst deswegen als „quasi-sozial“ bezeichnet: „Ich verhalte mich zu mir so, wie andere Menschen sich zu mir verhalten“ (bzw. verhalten haben).

Die therapeutische Relevanz dieses Sachverhalts ist enorm, denn er bedeutet, dass TherapeutInnen es nie nur mit einer, vermeintlich ‚wahren’ Selbst-Position ihrer jeweiligen KlientInnen zu tun bekommen, sondern immer mit mehreren. Wenn sie ihre KlientInnen in ihrer Vielseitigkeit verstehen und in ihren Veränderungsprozessen angemessen unterstützen wollen, geht es darum, die verschiedenen relevanten Selbst-Positionen sowie deren Verhältnis untereinander zu explorieren und in einen fruchtbaren Austausch miteinander zu bringen.

Zuweilen kann man in der Bahn, im Supermarkt oder Fitness-Studio Personen beobachten, die anscheinend Selbstgespräche führen. Inwiefern wirkt „inneres Sprechen“ selbstregulativ und wo ist die Abgrenzung zur psychischen Störung?

Das so genannte „innere Sprechen“ ist eine unmittelbare Auswirkung der Pluralität des Selbst, von der ich gerade gesprochen habe. Es ist außerdem eine Folge der Tatsache, dass der Dialog mit Anderen (und zwar nicht nur der verbale) die erste Wirk-lichkeit eines Menschen ist. Daran nimmt er von Geburt an aktiv teil – und wahrscheinlich schon während der letzten Schwangerschaftsmonate.

Zu den erwähnten kreativen Aneignungsprozessen gehört ganz entscheidend die grundlegende Tatsache, dass die psychischen Prozesse, die aus den Dialogen mit den Anderen hervorgehen, selbst ein dialogisches Format annehmen. Das heißt u. a., dass das Merkmal des Abwechselns von Rede und Antwort, das so genannte turn-taking, das sich schon zwischen Neugeborenen und ihren Müttern beim Stillen zeigt, die Signatur individueller psychischer Prozesse prägt.

Dieses dialogische Format setzt sich, wenn sich Sprache und Reflexionsfähigkeit entwickelt haben, auch in der Art und Weise fort, wie sich Menschen in ihrem Alltag mit sich selbst und mit denjenigen, zu denen sie in Beziehung stehen, ausei-nandersetzen. Wenn sie sich z. B. darum bemühen, eine Entscheidung zu treffen, zu der mehrere ihrer Selbst-Positionen etwas zu sagen haben, treten diese Positionen oft in einen so genannten „Autodialog“, also in ein Selbstgespräch ein, in dessen Verlauf sich die daran beteiligten ‚Stimmen’ zu Wort melden und aus ihrer jeweiligen Perspektive formulieren, was für die aktuelle Fragestellung relevant ist.

Wenn es um eine Auseinandersetzung mit anderen Personen geht, zu denen gerade kein realer Kontakt besteht, artikulieren Menschen häufig ihre Ansichten und Gefühle gegenüber den Anderen in der Form eines „fiktiven Heterodialogs“, d. h. in der Form eines fantasierten Gesprächs, in dem sie zu den Anderen beinahe so sprechen, als wären diese anwesend. Dabei haben sie oft auch klare visuelle Vorstellungen von denen, an die sie sich im Rahmen eines solchen Fatasiegesprächs wenden.

Sowohl bei Selbstgesprächen als auch bei Fantasiegesprächen ist es bezüglich ihrer Funktion unerheblich, ob sie in Gedanken („innerlich“), leise geflüstert oder deutlich hörbar geführt werden. Sie dienen immer der Selbstregulation; deshalb rede ich auch lieber von „selbstregulativem“ als von „innerem“ Sprechen.
Es ist eine Frage der Wahrung der eigenen Privatsphäre, ob man sie so führt, dass Andere mithören können. Außerdem herrscht in unserer Kultur vielfach die Ansicht, dass man solche Gespräche nicht hörbar führen sollte, wenn Andere anwesend sind, bzw. dass Menschen, die das dennoch tun, nicht ganz normal seien. Das sind sie vielleicht wirklich nicht, allerdings meine ich das nicht im psychopathologischen Sinne, sondern in dem Sinne, dass sie sich nicht der herrschenden Vorstellung von Normalität unterwerfen.

Es gibt jedenfalls eine Reihe von Untersuchungen, die darauf hinweisen, dass Menschen, die ein Problem zu lösen haben, dies effizienter tun, wenn sie ein dialogisch ausformuliertes Selbstgespräch führen. Insofern hat die erwähnte soziale Norm mitunter eine hinderliche Wirkung auf die Lösung von Problemen. Aus diesem Grund ermutige ich meine KlientInnen häufig, ihre verschiedenen Selbst-Positionen explizit zu machen; das macht es mir als ihrem Therapeuten außerdem möglich, an ihren Selbst- und Fantasiegesprächen teilzunehmen und, wo nötig, unterstützend einzugreifen.

Wie kann der Therapeut eine gezielte/gewünschte Veränderung im „dialogischen Selbst“ bewirken?

Entsprechend der prinzipiellen Differenzierung zwischen Selbst- und Fantasiegesprächen unterscheide ich zwei therapeutische Techniken und nenne sie schlicht „Selbstgespräch-Technik“ bzw. „Fantasiegespräch-Technik“. Da es bei einem Selbstgespräch um den Dialog zwischen verschiedenen Selbst-Positionen geht, steht am Anfang natürlich die Klärung der Frage, welche Positionen überhaupt beteiligt sind. Häufig geht es dabei um zwei Positionen, die in irgendeiner Weise so im Widerspruch zueinander stehen, dass die KlientInnen dies als belastende Spannung empfinden oder sich in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt fühlen. Manchmal geht es aber auch um mehrere Positionen.

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Der erste Schritt der therapeutischen Arbeit besteht also darin zu klären, welche Positionen einbezogen werden müssen, sie jeweils möglichst prägnant zu charakterisieren und, wenn möglich, mit einem treffenden Namen zu versehen, damit klar ist, wer mit wem spricht. Danach unterstütze ich meine KlientInnen dabei, sich nacheinander mit jeder einzelnen Position zu identifizieren und sich bewusst zu machen, wie es sich jeweils körperlich und emotional anfühlt, diese Position einzunehmen. Dabei ist es manchmal hilfreich, jeder der Selbst-Positionen einen bestimmten Ort im Raum, z. B. einen jeweiligen Stuhl, zuzuordnen.

Im nächsten Schritt rege ich meine KlientInnen an, nacheinander jede dieser Personen sozusagen schauspielerisch darzustellen, sich mir und den anderen Selbst-Positionen mit ihrem jeweiligen Namen vorzustellen, zu beschreiben, wer sie ist, und ihre Einstellung zu der aktuellen Fragestellung zu formulieren – so als sei jede Selbst-Position wie eine eigene Person, die gegenüber den anderen Positionen/Personen erstmalig in Erscheinung tritt.

Wenn dann alle beteiligten Positionen die Szene ‚betreten’ und sich einander bekannt gemacht haben, ermutige ich sie, sich aneinander zu wenden und zueinander zu sprechen – so wie reale Personen, die verschiedene Positionen zu einem gegebenen Problem einnehmen, miteinander ins Gespräch kommen. So können auch unterschiedliche Selbst-Positionen zu einer Umgangsweise mit dem fraglichen Problem oder zu einer Lösung gelangen, die möglichst alle beteiligten Positionen und deren Ansichten einbezieht und berücksichtigt. Dabei begleite ich als Therapeut das Selbstgespräch wie ein Moderator, der darauf achtet, dass alle Seiten sich mit ihren Gedanken und Gefühlen zu Gehör bringen können und angemessene Beachtung und Verständnis finden.

Welches Resultat ein solches Selbstgespräch hervorbringt, ist in der Regel sowohl für meine KlientInnen als auch für mich überraschend. Manchmal melden sich im Verlauf des Selbstgesprächs auch unerwartet weitere Stimmen zu Wort, von deren Beteiligung anfangs noch niemand etwas wusste. Solche Erweiterungen des ‚Gesprächskreises’ beeinflussen den Verlauf des weiteren Gesprächs oft in entscheiden-der Weise – ebenso wie Änderungen in den Haltungen der schon anfänglich bekannten Positionen, die sich während des Selbstgesprächs unter dem Eindruck der anderen Position(en) ergeben.

Welche Mechanismen des „dialogischen Selbst“ werden bei der Fantasiegespräch-Technik genutzt?

Wie ich anfangs schon gesagt habe, ist die Dialogizität des Selbst die Konsequenz aus der Tatsache, dass das Selbst nicht a priori vorhanden ist, sondern sich erst aus dem Dialog mit den Anderen heraus entwickelt. Jedes individuelle Selbst ist und bleibt daher von Anfang an und in grundlegender Weise auf die Anderen bezogen und bezieht sich sogar auf sich selbst wie auf einen Anderen; ich hatte das im Zusammenhang mit den Selbstgesprächen erläutert.

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Unser grundlegendes und kontinuierliches Bezogensein auf die Anderen bemerken wir u. a. daran, dass wir, wenn wir gerade nichts Dringlicheres zu tun haben, einen großen Teil unserer Zeit damit verbringen, uns in einem Bewusstseinszustand, der Ähnlichkeit mit Tagträumen hat, mit anderen Menschen und mit unseren Beziehungen zu ihnen zu beschäftigen. Manchmal genügen dafür schon ein paar ‚freie’ Sekunden oder Minuten, die uns im Rahmen anderer Tätigkeiten bleiben. Dann tauchen z. B. Bilder von Anderen auf, Erinnerungen an mit ihnen erlebte Situationen, Fantasien von eventuellen zukünftigen Begegnungen oder auch von Gesprächen, die wir mit ihnen geführt haben bzw. zu führen planen.

Besonders intensiv, lang andauernd oder manchmal sogar quälend werden solche Fantasiegespräche, wenn sie mit einer problematischen Situation zu tun haben, in der wir mit einem Anderen stehen. Dann reden wir in unserer Fantasie zu diesem Anderen, versuchen ihm unsere Position verständlich zu machen, ihn zu einer bestimmten Reaktion zu veranlassen oder machen ihm, etwa wenn wir gekränkt sind, allerlei Vorhaltungen.

Die Fantasiegespräch-Technik, die man im therapeutischen Kontext nutzen kann, baut auf diesen ohnehin stattfindenden Fantasiegesprächen der KlientInnen auf. Auch hier werden die KlientInnen gebeten, ihre Haltungen und Gefühle gegenüber der fraglichen anderen Person zum Ausdruck zu bringen, sodass sie ihnen selbst deutlicher und dem Therapeuten zugänglich werden. Dieser fördert nicht nur die lebendige Imagination der Bezugsperson durch die KlientInnen, sondern trägt mit entsprechenden Interventionen auch anderweitig dazu bei, dass die Prägnanz in der Bewusstheit der KlientInnen zunimmt und neue Erlebensweisen und Einstellungen gegenüber der anderen Person möglich werden. Auch hier habe ich schon viele überraschend verlaufende und bewegende Veränderungsprozesse erlebt.

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Über den Schattauer Verlag
Der Schattauer Verlag für Medizin und Naturwissenschaften (gegründet 1949), Stuttgart, ist ein inhabergeführtes Traditionsunternehmen mit 60 MitarbeiterInnen. Zu den Standbeinen des Verlages zählen das renommierte Fachbuchprogramm (weltweite Anerkennung genießen dabei bspw. die Farbatlanten, u.a. Rohens „Anatomie des Menschen“, bereits in 20 Sprachen erschienen), 21 nationale und internationale Fachzeitschriften (die auflagenstärkste Zeitschrift ist die „Nervenheilkunde“, eine Zeitschrift aus dem Bereich der Neurowissenschaften) sowie die Kongressorganisation Schattauer Convention mit Fortbildungs-Seminaren für Human- und Veterinärmediziner. Ein mit dem Schattauer Verlag verbundenes Unternehmen ist der Psychiatrie Verlag, Köln.