Der Ahnen-Faktor:
Einfluss des emotionale Familienerbes auf das Wohlbefinden der Patienten

Dr. Peter Teuschel

Dr. Peter Teuschel

Der Einfluss der Ahnen auf das eigene Leben bzw. das der Patienten tritt mehr und mehr in den Fokus der modernen Psychotherapie. Das Bewusstsein dafür wächst, dass Erfahrungen, Einstellungen und Emotionen in einer Familie oft über Generationen hinweg weitergegeben werden und sich zum Teil auf die Gesundheit auswirken können - weshalb dieses Thema auch zunehmend in der Hausarztpraxis berücksichtigt werden sollte.

In unserem Interview verrät der Psychiater und Psychotherapeut Dr. Peter Teuschel, der im Schattauer Verlag das Buch "Opens external link in new windowDer Ahnen-Faktor" veröffentlicht hat, wie sich der Ahnen-Faktor auf Ernährungsgewohnheiten, Schmerzempfindungen und Ängste auswirken kann.

Adipositas und das damit verbundene Diabetes-Risiko beschäftigt immer mehr Hausärzte. Von unseren Großeltern haben wir gelernt, man müsste immer brav seinen Teller leer essen. Inwieweit wirkt sich der Ahnenfaktor auf unsere Ernährungsgewohnheiten aus?

Die Einflüsse unserer Vorfahren sind uns meist nur bis zur Generation unserer Eltern oder Großeltern bekannt. Das Gebot, den Teller leer zu essen, stammt aus einer Zeit, in der es wichtig war, hochkalorische Nahrung zu sich zu nehmen, weil 1. danach eine entsprechend schwere, meist körperliche Arbeit geleistet werden musste und 2. die nächste Möglichkeit, sich satt zu essen, in den Sternen stand. So haben es Eltern und Großeltern gelernt, so gaben sie es weiter. Wir wissen heute, vor allem durch die Fortschritte im Bereich der Epigenetik, dass aber auch Ernährungsgewohnheiten über die Generationen hinweg weitertransportiert werden, deren gesellschaftlicher oder sozialer Hintergrund uns nicht mehr bewusst ist. Je mehr also in der Ahnenlinie das Thema Ernährung wichtig war, desto mehr tragen wir diese Information "Bitte alles aufessen" als epigenetische Prägung im Erbgut.

Vor dem Hintergrund unserer westlichen  Gesellschaft, die für viele ein Überangebot an Nahrung zur Verfügung stellt, sind solche "ererbten Essgewohnheiten" ein fataler Antrieb. Das Wissen um die transgenerationale Weitergabe heute nicht mehr erforderlicher, ja schädlicher Ernährungsweisen lenkt die Aufmerksamkeit auf die große Verantwortung, die der einzelne für seine gesunde Ernährung hat. Was für Generationen vor mir das Überleben sicherte, stellt unter Umständen für mich eine Verhaltensweise dar, die mich krank machen und mein Leben verkürzen kann.


Inwieweit können Schmerzmodelle innerhalb der Familie vererbt werden? Wieso sollte man als behandelnder Arzt insbesondere bei somatoformen Schmerzstörungen die familiäre Ebene im Hinterkopf haben?

Dass Schmerz und Psyche eng verwoben sind, sehen wir täglich in unseren Praxen. Zur Anamnese bei Patienten vor allem mit somatoformen Schmerzensyndromen, bei denen dem subjektiven Schmerzempfinden oft kein objektivierbarer somatischer Befund gegenübersteht, gehört deshalb auch die Analyse der Lebensumstände. Chronische Belastungen spielen hier ebenso eine Rolle wie unbewusste Konflikte. Hinzu kommt, dass sowohl körperlicher als auch seelischer Schmerz seine Repräsentanz im anterioren Gyrus cinguli hat, dass also unser Gehirn beide Schmerzformen in einem gemeinsamen "cerebralen Raum" beherbergt.

Seelischer Schmerz, den unsere Ahnen erleben mussten, kann wie jede andere einprägsame Erfahrung epigenetisch an nachfolgende Generationen weitergegeben werden. Ein Schmerzsyndrom, dem wir keine nachvollziehbare Grundlage zuordnen können, könnte also durchaus seinen "Ursprung" in einem schmerzhaften Erleben der Vorfahren dieses Patienten haben. Der Nachweis über diese Zusammenhänge wird derzeit wohl noch schwer zu erbringen sein, deshalb sollte man naturgemäß zurückhaltend mit einer solchen Interpretation sein. In Einzelfällen hat aber die Zuordnung eigener Schmerzen zu schmerzhaften Ereignissen in früheren Generationen zu einer deutlichen Entlastung bei Betroffenen in der psychotherapeutischen Behandlung geführt.

Die Formel "Das ist nicht nur mein persönlicher Schmerz, sondern auch mein Schmerz-Erbe" erbrachte eine neue Sichtweise und die Möglichkeit zu einer gewissen Distanzierung. Es lohnt sich von daher, bei der Anamnese von Schmerzpatienten nach schmerzhaften Ereignissen (seien sie körperlicher oder seelischer Art) in früheren Generationen zu fragen.


Prüfungsängste verbunden mit Schlaflosigkeit und Co. treiben manchen in die Hausarztpraxis. Inwieweit lassen sich Versagensängste bzw. nervöse Unruhezustände auf ein familiäres Erbe zurückführen?

Das Thema "Versagensangst" ist sehr an die Erwartungen geknüpft, die andere oder wir selbst an uns stellen. Innerhalb der Familie existieren oft sehr ausgeprägte Rollenerwartungen, die dem einzelnen Mitglied der Familie nicht immer bewusst sind. Sei es, dass das Erreichen einer bestimmten beruflichen Qualifikation durch die familiäre Tradition vorgegeben ist, sei es, dass sportliche Leistungen oder Themen der Lebensführung (z.B. viele Kinder zu haben) über Generationen hinweg als "ungeschriebene Gesetze" weitergereicht werden. In jedem Fall lasten auf den Schultern des einzelnen oft nicht nur die eigenen Erwartungen, sondern die einer ganzen Generationenfolge.

Je weniger dies bewusst ist, desto mehr besteht die Gefahr, unter dem Stress beispielsweise einer bevorstehenden Prüfung zusammenzubrechen. Hinzu kommt, dass auch das Versagen als solches ein Familienthema sein kann, das als "Verhaltensprogramm" von Generation zu Generation weitergereicht wird. Das Aufspüren familiär gebundener und oft unbewusster Erwartungshaltungen an die einzelnen Familienmitglieder kann ein wichtiger Schritt sein, sich von diesen Prägungen lösen zu können und unbeschwerter seinen eigenen Weg zu finden und zu gehen.


Über den Autor:
Dr. med. Peter Teuschel ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Er ist seit 1996 in eigener Praxis als Psychiater, Psychotherapeut und Coach in München niedergelassen. In seinem bekannten Blog „Opens external link in new windowSchräglage“ befasst er sich schon lange mit dem Thema Familie, aber auch mit Schräglagen im Gesundheitswesen wie Erfahrungen mit Krankenkassen, Gutachtern etc.

Pressekontakt:
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Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

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Über den Schattauer Verlag
Der Schattauer Verlag für Medizin und Naturwissenschaften (gegründet 1949), Stuttgart, ist ein inhabergeführtes Traditionsunternehmen mit 60 MitarbeiterInnen. Zu den Standbeinen des Verlages zählen das renommierte Fachbuchprogramm (weltweite Anerkennung genießen dabei bspw. die Farbatlanten, u.a. Rohens „Anatomie des Menschen“, bereits in 20 Sprachen erschienen), 21 nationale und internationale Fachzeitschriften (die auflagenstärkste Zeitschrift ist die „Nervenheilkunde“, eine Zeitschrift aus dem Bereich der Neurowissenschaften) sowie die Kongressorganisation Schattauer Convention mit Fortbildungs-Seminaren für Human- und Veterinärmediziner. Ein mit dem Schattauer Verlag verbundenes Unternehmen ist der Psychiatrie Verlag, Köln.