Debatte um Konjugat- oder Polysaccharidimpfstoff: Was schützt am besten vor schweren Infektionen mit Pneumokokken?

 

Bakterien der Art Streptococcus pneumoniae, besser bekannt als Pneumokokken, können schwere Lungenentzündungen, Hirnhautentzündungen und Blutvergiftungen verursachen. Diese invasiven Pneumokokkeninfektionen haben eine hohe Morbidität und Mortalität. Kleinkinder und ältere Menschen können durch eine Impfung effektiv geschützt werden. Experten streiten derzeit jedoch darüber, welche der beiden Impfstofftypen der bessere ist. Univ.-Prof. Markus Knuf von den HELIOS Dr. Horst Schmidt Kliniken in Wiesbaden gibt in der Zeitschrift Kinder- und Jugendmedizin (Schattauer Verlag) einen Überblick über den Stand der Diskussion. 

Pneumokokken treten in mehr als 90 Varianten, den sogenannten Serotypen auf. Die verfügbaren Impfstoffe schützen allerdings nicht vor Infektionen durch alle Serotypen. Der Konjugatimpfstoff PCV13 erreicht 13 Serotypen, der Polysaccharidimpfstoff PPSV23 dagegen 23. Durch Studien konnte gezeigt werden, dass Konjugatimpfstoffe eine gewisse Kreuzprotektion gegen nicht im Impfstoff enthaltene Serotypen hervorrufen.  Aufgrund der größeren Serotypenabdeckung empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut PPSV23 für alle Senioren ab dem 60. Lebensjahr. Auch bei Menschen mit Abwehrschwächen oder chronischen Erkrankungen wird der PPSV23 von der STIKO bevorzugt. Für Kinder wird PCV13 empfohlen, weil PPSV23 erst ab einem Alter von zwei Jahren zugelassen ist. Die meisten Erkrankungen im Kindesalter treten früher auf.

Die Bevorzugung von PPSV23 für Erwachsene ist bei medizinischen Fachverbänden auf Kritik gestoßen. Knuf nennt die Gründe: Die Wirksamkeit von PCV13 ist besser durch Studien belegt. Nach seiner Einführung ist es bei Kleinkindern zu einem deutlichen Rückgang der 13 abgedeckten Serotypen gekommen. Auch nicht geimpfte Kinder und ältere Menschen erkranken heute seltener. Experten sprechen von einem Herdeneffekt. Impfungen mit PCV13 können im späteren Lebensalter wiederholt werden. Bei PPSV23 ist ein solcher „Booster“ nicht immer effektiv. Sogar eine gewisse Abschwächung des Impfschutzes („Hyporesponsivität“) nach kurzfristiger Wiederholungsimpfung ist möglich, schreibt Knuf.

Doch auch die STIKO hat aus Sicht des Experten gute Argumente. Modellberechnungen haben ergeben, dass durch die breitere Abdeckung von 23 Serotypen mehr Menschen vor schwerwiegenden Infektionen oder Todesfällen geschützt werden können. Die STIKO sieht sich hier in guter Gesellschaft mit anderen Ländern, schreibt Knuf. Tatsächlich empfehlen die meisten Länder in Europa für Senioren die alleinige Impfung mit PPSV23.

Die Serotypen-Abdeckung ist jedoch nicht vollständig. Der Serotyp 3, den beide Impfstoffe enthalten, entzieht sich häufig dem Impfschutz. Offenbar handelt es sich um einen besonders virulenten Typ, so Knuf. Außerdem ist es durch die Impfung zu einer Verschiebung hin zu den nicht abgedeckten Serotypen gekommen. Dieses „Replacement“ führt dazu, dass die Gesamtzahl der Erkrankungen nicht so deutlich zurückgegangen ist, wie vorher erwartet wurde. Kinder und Senioren können weiterhin eine invasive Pneumokokken-Infektion erleiden, auch wenn sie geimpft sind. Die Gefahr ist für beide Gruppen jedoch geringer als vor Einführung der Impfstoffe, deren Nutzen laut Prof. Knuf durch die Debatte nicht grundsätzlich infrage gestellt wird.

A.Kunze, G. Wannenmacher, M. Knuf: Impfprävention von Pneumokokken-Infektionen. Kinder- und Jugendmedizin 2017 Vol. 17 Heft 4: 217-224.

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