Die Flüchtlingskrise: Nicht nur eine notfallpsychologische Herausforderung

 

Noch nie waren so viele Menschen weltweit auf der Flucht. Laut Bundespsychotherapeutenkammer seien mindestens die Hälfte der Flüchtlinge krank und würden behandlungsbedürftige Störungen wie Posttraumatische Belastungsstörung oder Depression entwickeln. Zunehmend müssen sich Psychotherapeuten also mit den Themen Asyl, Duldung, Abschiebung und mit den Menschen und ihren Schicksalen beschäftigen, die sich hinter diesen Begriffen verbergen. In einem Artikel in der Fachzeitschrift „Die Psychodynamische Psychotherapie“ (Schattauer Verlag) beschreiben die Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Beate Leinberger und Theologe und Psychologe Sigmund Neubauer die aktuellen Zahlen und das Diagnosespektrum bei Flüchtlingen und stellen formaljuristische, kulturelle und individuelle Aspekte vor, denen Psychotherapeuten heutzutage begegnen. Außerdem präsentieren sie körperorientierte Interventionen, die sich bei der Betreuung von belasteten Flüchtlingen als Nothilfe bewährt haben.

Besonders bei geflüchteten Kindern werden in hoher Zahl Trennungsängste und/oder Schlafstörungen mit Albträumen beobachtet. Sie haben im Gegensatz zu älteren Flüchtlingen weniger Bewältigungsstrategien zur Verfügung. 24 bis 50 Prozent leiden an psychosomatischen Symptomen, so die Autoren. „Unser Versorgungssystem erhält offensichtlich zusätzlich 141 600 bis 354 000 unter 24-jährige und 84 000 bis 210 000 unter 17-jährige Patienten. Jeder in Deutschland niedergelassene Kinder- und Jugendpsychotherapeut müsste 28 bis 70 unter 17-jährige Flüchtlingskinder zusätzlich behandeln“, erklären Leinberger und Neubauer. Zusätzlich zu diesem Versorgungsengpass ist die Sprache ein weiteres Problem: Ein Großteil der Patienten benötigt Sprachvermittler. 

Die Autoren weisen darauf hin, dass der durch die Flüchtlingskrise entstandene Behandlungsbedarf nicht mit den momentan verfügbaren Behandlungsangeboten

erfüllt werden kann. In ihrem Artikel schildern sie verschiedene Punkte, die die Behandlung der Flüchtlinge erschweren. Zusätzlich stellen sie verschiedene, empirisch und in der Praxis evaluierte, leicht zu erlernende, körperorientierte Techniken zur Selbstberuhigung in Krisensituationen vor wie entschleunigtes Atmen, Schaukeln, Tanzen und bestimmte Gesänge. „Diese unmittelbare psychologische Nothilfe sollte für jeden Psychotherapeuten selbstverständlich sein, um belastende Akut-Symptome mit psychologischen Mitteln anzugehen, sei es im direkten Kontakt, aber auch in der Anleitung von Eltern oder Betreuern“, so die Autoren.

Beate Leinberger, Sigmund Neubauer: Die Flüchtlingskrise: Nicht nur eine notfallpsychologische Herausforderung. Die Psychodynamische Psychotherapie 2017 Vol. 16. Heft 3: 139–151

Mehr zur Zeitschrift: 

„Die Psychodynamische Psychotherapie“ informiert ärztliche und psychologische Psychotherapeuten über die Entwicklung der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie in wissenschaftlichen Artikeln, Behandlungsberichten, Mitteilungen und Diskussionsbeiträgen, die für die tägliche Praxis relevant sind.

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