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Die subtile Macht der ethisch Richtigen

Zeitschrift: Die Psychodynamische Psychotherapie
ISSN: 1618-7830
Thema:

Historische, theoretische und klinische Aspekte in der Psychotherapie

Ausgabe: 2016 (Vol. 15): No. 2
Seiten: 114-123

Die subtile Macht der ethisch Richtigen

Ein Plädoyer für klares Benennen

M. Tenberge

Stichworte

Überhöhte Idealisierungen in Gesellschaft und Therapie, ethische und politische Korrektheit, klares Benennen von kritischen Aspekten und Verzerrungen

Zusammenfassung

Beschrieben wird ein Aspekt zur Flüchtlingskrise innerhalb der gesellschaftspolitischen Lage in Deutschland von 2015, in der es teilweise verpönt war, kritische Äußerungen zu tätigen. Kritiker wurden schnell der „rechten Ecke“ zugeschoben bzw. als islamophob hingestellt. Hier scheinen u.a. überhöhte Identifikationen mit Idealvorstellungen eine Rolle zu spielen. Das Ideal der Menschlichkeit schien absolute Gültigkeit zu haben, so dass daneben jede Kritik ethisch verwerflich erschien. Eine Person kann ihr Selbstwertgefühl stärken, wenn sie sich mit einem hohen Ideal identifiziert. Finden solche Prozesse rigide und übermäßig statt, gehen sie mit Abwehrvorgängen einher, z.B. mit Abwertung und Verleugnung von Realitäten, um das hohe Ideal und das Selbst zu schützen. Solche meist unbewusst ablaufenden Prozesse finden derzeit statt in der Gesellschaft und insbesondere auch in der therapeutischen Kultur. Im therapeutischen Feld führen neben vielen anderen Faktoren auch Idealvorstellungen dazu, dass Trauma- und Opferkonzepte ausgeweitet werden und die Nutzung der therapeutischen Beziehung für konfrontative Interventionen erschwert wird.