Amok und andere Formen schwerer Gewalt

K. Roshdi

Die Amokläufe von Erfurt und Winnenden, die Anschläge in Norwegen oder Terrorattentate wie auf das Redaktionsbüro des Satiremagazins Charlie Hebdo: Immer stellt sich die Frage nach „dem Profil“ des Täters, nach spezifischen Anzeichen im Vorfeld und damit der „Vorhersagbarkeit“ und möglichen Präventionsmaßnahmen. Dr. Jens Hoffmann und Diplom-Psychologin Karoline Roshdi (beide am Institut Psychologie & Bedrohungsmanagement, Darmstadt) befassen sich in ihrem Buch „Opens external link in new windowAmok und andere Formen schwerer Gewalt“ mit Risikoanalyse, Bedrohungsmanagement und Präventionskonzepten. Karoline Roshdi sprach im Interview über die Herausforderungen für den Therapeuten, aber auch das therapeutische System.


Welche Herausforderungen stellt das Thema Amok an den ärztlichen Psychotherapeuten?

Roshdi: Amokläufe sind statistisch seltene Taten. Risikoeinschätzungen im Hinblick auf mögliche Fremdgefährdungen sind in forensischen Kliniken ein Bereich der alltäglichen Arbeit. Arbeiten ärztliche Psychotherapeuten nicht in diesem Bereich, so begegnet Ihnen das Thema Amok teilweise selten bis gar nicht im beruflichen Alltag. Ganz im Gegensatz zur Einschätzung einer möglichen Suizidalität bei Patienten.  Hier besteht dadurch oft mehr Handlungssicherheit in der Einschätzung.


Warum ist es für den behandelnden Arzt so schwierig zu erkennen, ob der Patient zu einem Amoklauf fähig wäre?

Roshdi: Bei Risikoeinschätzungen kann es wie auch in anderen Bereichen aus verschiedenen Gründen zu Fehldeutungen kommen. Basiert eine Einschätzung  beispielsweise rein auf Erfahrungswerten, werden wahrscheinlich wichtige Kriterien bzw. Warnsignale übersehen.

Mittlerweile gibt es gute und wissenschaftlich fundierte Tools zur Einschätzung derartiger Taten. DyRiAS (Dynamisches Risiko-Analyse Systeme) beispielsweise ist ein derartiges Tool, welches für verschiedene Formen der zielgerichteten Gewalt entwickelt wurde. Hier werden die richtigen Fragen zur Einschätzung eines Falls gestellt. Darauf erhält man eine Auswertung, die aufzeigt, wie weit eine Person den sogenannten Weg zur Gewalt bereits gegangen ist. DyRiAS gibt es beispielsweise für die Einschätzung von Amok und zielgerichteten Gewalttaten an Schulen, aber auch für die Dynamik bei der Gefahr von Intimpartnertötungen.

Im therapeutischen Kontext wird unter anderem in Krisen nach Veränderungsmöglichkeiten geschaut, welche sehr wichtig sind und Entlastung schaffen. Doch ein zu schnelles Betrachten der Veränderung, bei angezeigten Warnsignalen, birgt die Gefahr, dass weitere Warnsignale übersehen bzw. nicht eruiert werden.

Ein weiterer Punkt ist, dass sich die Entwicklung zu einer Amoktat teilweise über mehrere Jahre hinweg ziehen kann. Beispielsweise zeigt die Analyse der zielgerichteten Gewalttaten an Schulen in Deutschland, dass einige Täter im Vorfeld zur Tat in therapeutischer oder psychiatrischer Behandlung waren. Dabei zeigten sich auch teilweise Warnsignale die nicht akut waren oder abgewendet wurden. Kurz vor der Tat waren die Personen nicht mehr bei den behandelnden Stellen vorstellig. Dies veranschaulicht, dass Risiko über die Zeit sinken aber auch wieder steigen kann. Es bedarf weiterer Unterstützung durch lokale Netzwerke beispielsweise, bei der es eine Person gibt, die Fälle langfristig betrachten kann und bei der mögliche weitere Warnsignale zusammenlaufen.


Welche therapeutischen Entwicklungen wünschen Sie sich zum Thema Amok für die Zukunft?
 
Roshdi: Da sich Amokläufe oft über Jahre entwickeln, bedarf es einem strukturierten Management. Wenn eine Person ein bestimmtes Maß an bedrohlichem Verhalten auf einem Weg zur Gewalt gezeigt hat, kann ein längerfristiges Management nötig sein. Bedrohliche Verhaltensweisen zeigen sich oft in verschiedenen Lebensbereichen und müssen die Chance haben, gebündelt betrachtet werden zu können.

Es haben sich in den letzten Jahren Bedrohungsmanagementstrukturen, die unter anderem lokal aufgebaut sind, bewährt. Im Schweizer Kanton Solothurn wurde ein interdisziplinäres Bedrohungsmanagementteam über die Polizei aufgebaut. Dazu gehören unter anderem ein Psychiater für Erwachsene, ein Kinder- und Jugendpsychiater, Polizeipsychologen, Polizisten und Juristen. Das Team ist mit öffentlichen Organisationen, die selbst zur Thematik sensibilisiert sind, vernetzt. Es geht dabei nicht nur um die Prävention von Amokläufen, sondern um die Prävention von zielgerichteten Gewalttaten allgemein.

Es muss Handlungssicherheit geben, ab wann bedrohliche Verhaltensweisen zum Schutz weitergegeben werden müssen. Zur Prävention derartiger Taten ist ein interdisziplinäres Zusammenarbeiten immens wichtig. Denn nur so ist es prinzipiell möglich, ein allumfassendes Bild und langfristiges Management von sogenannten Risikofällen zu gewährleisten.