Wenn die Beine kribbeln

 

Das Restless-Legs-Syndrom: Vom schwierigen Weg zur klinischen Diagnose 

 

Stuttgart, November 2017 – Ziehende, stechende und reißende Schmerzen in den Beinen: Das Restless-Legs-Syndrom (RLS) ist mit zunehmendem Alter eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen – rund zehn Prozent der Bevölkerung sind betroffen. Da der starke Bewegungsdrang der Beine am Abend, in der Nacht und auch im Schlaf auftritt, sind Schlafstörungen die Folge. In der Fachzeitschrift „SCHLAF“ (Schattauer Verlag, Stuttgart. 2017) beschreibt Professor Dr. med. Svenja Happe, Chefärztin der Neurologie der Klinik Maria Frieden Telgte, das Restless-Legs-Syndrom und erklärt, welche Differentialdiagnosen bei der klinischen Diagnose berücksichtigt werden müssen. Die aktuelle Ausgabe greift unter dem Titel „Schlaf bewegt“ das Motto des 25. Jahreskongresses der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) auf und widmet sich unterschiedlichen schlafbezogenen pathologischen Bewegungen. 

 

Laut Diagnosekriterien handelt es sich beim RLS um einen Bewegungsdrang der Beine – meist, aber nicht immer einhergehend mit einem unbehaglichen und unangenehmen Gefühl und beginnend oder verschlechternd während Ruhephasen oder bei Inaktivität. Eine teilweise oder vollständige Besserung erfolgt durch Bewegung. Die Symptome verschlimmern sich am Abend oder nachts und sind nicht anderweitig erklärbar. Zusätzliche Kriterien können sein: Mindestens ein Verwandter ersten Grades ist vom RLS betroffen, beim Patienten treten im Wachzustand oder Schlafen periodische Beinbewegungen auf und die Beschwerden lassen durch die einmalige Gabe bestimmter Medikamente (L-Dopa-Test) im Rahmen der diagnostischen Untersuchungen sofort nach. 

In rund 90 Prozent der Fälle bestehen nächtliche periodische Beinbewegungen. Etwa zwei Prozent der Bevölkerung mit RLS haben aufgrund der starken Beeinträchtigungen einen Behandlungswunsch, so Professor Happe in ihrem Artikel „Das Restless-Legs-Syndrom und seine Differentialdiagnosen“. Meist werden die Patienten zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr therapiebedürftig. Frauen über 35 sind etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer. Die Ursache des RLS ist bislang nicht geklärt. Vermutet wird eine Störung des Dopamin-Stoffwechsels. Dopamin ist ein wichtiger Botenstoff für die Vermittlung von Nachrichten zwischen den Nervenzellen. Patienten mit RLS sprechen daher gut auf Medikamente an, die das körpereigene Dopamin nachahmen. 

In 40 bis 80 Prozent der Fälle trete das RLS primär beziehungsweise idiopathisch auf. Das heißt, die Beschwerden treten nicht infolge einer anderen Grunderkrankung auf und haben keine organischen Ursachen. Sekundäre Formen bei Nachweis organischer Ursachen seien vor allem bei Nierenversagen mit Harnvergiftung, Blutarmut durch Eisenmangel und in der Schwangerschaft zu beobachten. Ein vermehrtes Auftreten zeige sich auch bei der rheumatoiden Arthritis, Schilddrüsenerkrankungen, Diabetes mellitus, Schädigungen von Nervenfasern (Polyneuropathie), Parkinson und Multiple Sklerose. Systematische epidemiologische Studien zur Häufigkeit fehlen jedoch meist. Oft bleibe daher unklar, ob das RLS eine Folge ist oder ursächlich mit diesen Erkrankungen auftritt. Auch bei der Einnahme bestimmter Medikamente, wie beispielsweise Antidepressiva, komme es häufiger zu einem RLS. 

„Ein ideopathisches RLS muss immer von einer symptomatischen Form abgegrenzt werden“, erklärt Professor Happe. Neben dem Erfragen der wesentlichen diagnostischen Kriterien seien daher neurologische Untersuchungen wie beispielsweise der Ausschluss einer Erkrankung des Nervensystems und der Nervenwurzeln, das Erfragen von Medikation und Begleiterkrankungen sowie eine Blutkontrolle der Werte Eisen, Ferritin, TSH, Kreatinin, Vitamin B12 und Folsäure grundsätzlich erforderlich. Vor Diagnosestellung des RLS sind die zahlreichen Differenzialdiagnosen auszuschließen. Bei der Therapie steht an erster Stelle die Behandlung symptomatischer Ursachen – beispielsweise der Ausgleich eines Eisenmangels. Anzustreben ist idealerweise ein Ferritin-Wert >100 µg/l. Auslösende oder verstärkende Medikamente wie bestimmte Antidepressiva sollten abgesetzt oder die Therapie verändert werden. Ebenso sind die symptomatischen Ursachen für eine Schlafstörung wie etwa eine schlafbezogene Atmungsstörung zu klären und spezifisch zu behandeln. 

Prof. Dr. Svenja Happe: Das Restless-Legs-Syndrom und seine Differenzialdiagnosen. „SCHLAF“ 2017 Heft 4: 180–184.

Mehr zur Zeitschrift:

Ziel der Zeitschrift „Schlaf“ ist es, evidenzbasierte Medizin zum Thema Schlafstörungen aus der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnis in die Praxis insbesondere des niedergelassenen Arztes zu vermitteln. Vor allem Primärärzte sollen die Möglichkeit erhalten, sich auf dem komplexen Gebiet der Diagnostik und Therapie von Schlafstörungen anhand leicht lesbar aufbereiteter Artikel fachlich fundiert weiterzubilden.

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