Prof. T. Lempert

Schwindel: Komplexe Symptomatik – herausfordernde Diagnose

Patienten, die unter Schwindelsymptomen leiden, sind in der Regel schwierig zu diagnostizieren, weil die Beschwerden in vielfältiger Form auftreten und auf die unterschiedlichsten Ursachen zurückgeführt werden können.

 

Prof. Adolfo Bronstein (Imperial College London, Charing Cross Hospital, London) und Prof. Thomas Lempert (Schlosspark-Klinik und Charité, Berlin) sind dem "Schwindel” im gleichnamigen Buch auf der Spur, das als praktischer Leitfaden zur Diagnose und Therapie fungiert. Im Interview berichtet Prof. Lempert u.a. warum die Schwindeldiagnose so komplex ist.


Wieso ist es besonders wichtig, bei einer Schwindelsymptomatik an die richtige Ursache zu denken?

Lempert: Schwindel kann ein Symptom einer gefährlichen Krankheit sein. Das ist glücklicherweise selten, dann aber höchst relevant, beispielsweise wenn in der Rettungsstelle der Ausfall eines Gleichgewichtsorgans von einem Schlaganfall abgegrenzt werden muss. Aber auch die „harmlosen“ Schwindelursachen können schweres Leid hervorrufen, beispielsweise die Menière-Krankheit oder psychogene Schwindelformen. Nur wenn man die Ursache kennt, kann man sie gezielt behandeln.


Was bereitet die größten Schwierigkeiten bei der Schwindeldiagnostik?

Lempert: Schwindel überschreitet die Grenzen zwischen Neurologie, HNO, Innerer Medizin und Psychiatrie, so dass es oft am differenzialdiagnostischen Wissen fehlt, um eine treffsichere klinische Diagnose zu stellen. Allzu häufig wird dann hilfsweise die apparative Diagnostik bemüht, die einen aber oft im Stich lässt.


Was ist Ihrer Ansicht nach der größte Vorzug Ihres Buchs, der dem behandelnden Arzt Diagnostik und Therapie unmittelbar erleichtert?

Lempert: Die Kapitel des Buchs sind nach schnell erfassbaren klinischen Präsentationen geordnet, beispielsweise „akuter anhaltender Schwindel“ oder „lageabhängiger Schwindel“. Jedes Kapitel beginnt mit einer Tabelle der zugehörigen Erkrankungen und ihrer wichtigsten klinischen Merkmale, so dass man rasch zur Diagnose findet, wenn der nächste Schwindel-Patient vor einem sitzt. Die klinisch relevante Anatomie und Physiologie des vestibulären Systems erklären wir im Einführungskapitel in erträglicher Kürze.


Ihr Buch enthält 60 Videos. Wie kamen Sie auf die Idee Videos zu integrieren und was zeigen diese?

Lempert: Die klinische Untersuchung und die Bewertung von körperlichen Befunden erlernt man am besten, wenn man einem erfahrenen Kollegen bei der Arbeit über die Schulter schauen kann. Daher haben wir in den Videos spezielle Untersuchungstechniken, Nystagmusbefunde und Augenbewegungsstörungen festgehalten, außerdem die verschiedenen Behandlungstechniken für den gutartigen Lagerungsschwindel.


Das Interview führte Stefanie Engelfried